Snape-Fiction

 

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Nox von Demetra


Disclaimer: das Übliche. JKR alles, ich nix.

Für Sascha. Manchmal sieht man nicht, obwohl man die Augen weit offen hat. Alles Liebe


Es gab Situationen, an die man sich ungern erinnerte. Und es gab einige, in die man gar nicht erst geraten wollte - und die nicht zu verhindern waren.

Von Stufe zu Stufe, die Morgaine in den Keller hinunter ging, wurde die Luft drückender und kühler. Die dunklen Steine an den Seiten der Treppe waren zum Teil mit Moos bedeckt und abgebröckelt. Eine lieblose Umgebung, ein Weg, den sie jede Woche mehrmals ging. Nun war es anders.

Sie kochte immer noch vor Wut über die Ungerechtigkeit, die sie in die Gewölbe des Schlosses führte. Dass sie keinen ihrer Klassenkameraden leiden konnte, machte ihr nichts aus. Sie war daran gewöhnt. Seit zwei Jahren war sie Schülerin in Hogwarts, hatte die sechste Klasse wiederholt und trotzdem nicht dass Gefühle, dass ihr die Schulbildung irgendetwas gebracht hatte. Diese Umstände hatten sich nun gerächt.

Mit den Fingerspitzen tastete sie nach der kleinen Beule, die von dem bedauerlichen Unfall am Vormittag übriggeblieben war. Madame Pomfrey hatte sich ihrer liebevoll angenommen. Die Krankenschwester war eine der wenige Personen, die Morgaine mochte. Den Schülern mit all ihren lächerlichen Allüren und pubertäre Problemchen hatte sie sich nie nahegefühlt, dann doch eher den Lehrern. Bis auf einen. Und den würde sie jetzt gezwungenermaßen aufsuchen.

Am Fuß der Treppe angekommen, sah sie die geschlossene Tür des Kerkers vor sich. Ungehalten holte sie tief Luft. Wenn ihr dieses Unterfangen schon aufgezwungen war, dann würde sie es nach ihren Vorstellungen gestalten.

Sie hob die Faust, pochte kräftig an die Tür und trat nach einigen Sekunden ein, obwohl sie keine Antwort bekam.

Eine Wolke von Kräuterduft wogte ihr entgegen, herb und süß zur selben Zeit. Morgaine atmete tief ein und trat dann, mit bewusst gelangweilter Miene, ein. Der Raum war bis auf einige Dutzend Kerzen und das Feuer unter einem Kessel dunkel. Hinter dem Vorführtisch stand der Meister der Zaubertränke und blickte ihr entgegen, die Augenbrauen gerunzelt.

"Sie sind drei Minuten zu spät", schleuderte er ihr entgegen und verschränkte die Arme.

"Tut mir leid", gab sie in einem Ton zurück, der ihm Rätsel aufgeben würde, ob diese Entschuldigung ehrlich gemeint war. "Also, ich bin da. Meinetwegen können wir anfangen."

Snape reagierte nicht auf ihre Provokation. Wortlos wies er auf eine Schülerbank, neben der ein bereits angefeuerter Kessel stand und ihrer harrte. Auf der Schreibfläche waren Ingredienzien und Messgeräte zufinden, die aus Snapes privaten Vorräten stammen mussten. Wider Willen fasziniert betrachtet Morgaine die Feinwaage, deren Fuß aus schwarzem Marmor bestand und die anscheinend schon sehr alt war. Doch der genaue Blick auf die Zutaten, die Snape für sie bereitgelegt hatte, erstaunte sie noch mehr.

Hoch potente Pflanzen und Kräuter lagen auf den Brettchen, chelidorium majus, das von den Menschen Hexenmilch genannt wurde, datura stramonium, der Stechapfel, hyoscamus niger, das schwarze Bilsenkraut und viele andere.

Morgaine legte die Stirn in Falten und sah zu Snape, der ihren Blick für eine Sekunde auffing, dann jedoch zu erklären begann:

"Sie haben erstaunlich viel Verständnis für Tränke in Ihrem harten Schädel. Obwohl die anderen Schüler behaupten, Sie hätten den Kessel gesprengt, glaube ich es nicht."

"Und warum bin ich dann hier?", fauchte Morgaine. "Sie können mich nicht für etwas bestrafen, von dem Sie wissen, dass ich nicht getan habe."

Snape verzog die schmalen, hart gezeichneten Lippen zu einem halben Lächeln.

"Dies ist die Strafe dafür, dass Sie den explosiven Trank nichts schnell genug entschärft haben. Also lassen Sie dieses kindische Gezeter." Mit einem Wink seines Zauberstabes wischte er ein Pergament von seinem Pult zu ihrem Tisch herüber. Sie fing es auf, und trotz ihrer Wut über Snapes typische Ungerechtigkeit begann sie fasziniert zu lesen.

Es handelte sich um einen Trank zur Hypersensibilisierung der menschlichen Sinne, eines der mächtigsten Rezepte, die Morgaine jemals in der Hand gehalten hatte.

"Ich will, dass Sie ihn brauen. Wenn Sie glaube, es nicht zu können, sollten Sie jetzt gehen und meine Zutaten nicht vergeuden. Falls Sie bleiben, hängt Ihre Versetzung vom Erfolg ihrer Bemühungen ab."

Snapes kalte Stimme riss sie aus der Faszination. Sie blickte auf und wusste nicht, was sie sagen sollte. Was hatte sie davon, wenn sie blieb und das Experiment daneben ging? Dann würden ihre Eltern endgültig davon überzeugt sein, dass ihre Tochter eine Versagerin war. Andererseits, wenn sie nun ging, wer würde es wissen? Sie und Snape. Dass sie in seiner Achtung sinken würde, störte sie nicht.

Allerdings begann sie sich zu fragen, was sie von sich selbst denken würde. Entschlossen nickte sie und griff nach dem kleinen Messer neben dem Schneidbrett.

Die Geste musste Snape als Antwort genügt haben, denn er wandte sich ab und ging an sein Pult, wo er anscheinend ein paar Klassenarbeiten zu korrigieren begann.

Morgaine atmete tief durch und begann. Vorsichtig trennte sie Blätter und Blüten, zerhackte die Teile der Pflanzen, die sie verwenden musste und wog alle Zutaten sorgfältig ab. Das Wasser in dem Kessel neben ihr begann zu köcheln und sie streute langsam die ersten zu Pulver verriebenen Wurzeln hinein. Die Flüssigkeit wurde schwarz und dickte langsam ein. Zufrieden nahm Morgaine den stechenden Geruch wahr und rührte den Sud vorsichtig um.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging. Zaubertränke faszinierten sie ungemein und das Fach wäre wohl ihr liebstes gewesen, wenn nicht die personifizierte Verachtung in einer schwarzen Robe ständig irgendwelche ätzenden Bemerkungen machen würde. Aber apropos ätzend, an diesem Abend schien der Professor erstaunlich friedfertig zu sein. Zwar konnte sie dem energischen Schwung seiner Feder entnehmen, dass er eifrig Fehler anstrich und schlechte Noten verteilte, aber immerhin hackte er auf niemandem herum.

In Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, dass der Porzellanstößel des Mörsers über die abgewetzte Tischplatte rollte. Erst das Klirren auf dem Stein des Bodens riss sie aus den Gedanken. Snape blickte auf, runzelte kurz die Stirn, sagte aber nichts.

Morgaine bückte sich, um den Stößel aufzuheben, doch er war weit unter das Pult gerollt und so kroch sie vorsichtig darunter. In dem Moment, in dem sie nach dem Werkzeug griff, geschah es.

Die Tür des Kerkers schwang krachend an die Wand und eine dunkle Gestalt rauschte in den Kerker. Morgaine erstarrte, denn selbst aus ihrer Perspektive konnte sie erkennen, wer der Eindringling war - und dass er seinen Zauberstab in der Hand hatte.

Sie hatte Lucius Malfoy erst einmal gesehen, aber die hohe, gut gekleidete Gestalt mit den blonden Haaren und dem imposanten Auftreten unvergesslich. In diesem Moment war Malfoys schönes Gesicht von Wut verzerrt. Er wedelte mit dem Zauberstab und ehe sie begreifen konnte, was passierte - alles war im Bruchteil einer Sekunden geschehen- schleuderte ein Fluch Malfoys Snape an die nächste Wand.

"Du verdammter Bastard!", schrie Malfoy und spuckte vor Aufregung. "Verräter! Ich hätte es wissen müssen. Du hast den Lord hintergangen!"

Morgaine begriff nicht genau, wovon der Eindringling da sprach und wie es ihm überhaupt gelungen war, ins Schloss zu kommen. Aber sie begriff, dass Malfoy genug in Rage war, um Snape etwas antun zu können. Und ganz gleich, was der Lehrer für ein Mensch war, er verdiente es nicht, in einer derart ungerechten Situation zu unterliegen.

Sie packte ihren eigenen Zauberstab rollte unter dem Tisch hervor und rief:

"Expelliarmus!" Trotz der gespannten Situation kam Morgaine nicht umhin, sich insgeheim über Lucius entgleiste Gesichtszüge zu amüsieren, als sein Zauberstab davonflog. Doch ihre Stimme war hart, ungewohnt für sie selbst. "Malfoy, ich will nicht eine Bewegung sehen."

Dracos Vater hob zum Zeichen, dass er ihr gehorchen wollte, langsam die Hände. Er hatte sich wieder im Griff und es gelang ihm sogar, ein charmantes Lächeln zustande zu bringen.

"Kleines Mädchen, glaubst Du wirklich, dass Du das Recht hast, Dich hier einzumischen?", erkundigte er sich freundlich, doch seine Augen funkelten berechnend. Er wartete nur darauf, sie hereinlegen zu können. "Hast Du überhaupt eine Ahnung, wen Du da beschützt? Er war jahrelang ein Todesser."

"Wie Sie es einer sind, Malfoy?" Morgaine gelang er, ruhig zu bleiben, auch wenn die Nachricht sie traf. Natürlich gab es Gerüchte über die Vergangenheit des Misanthropen Snape, aber Morgaine hätte nie gedacht, dass in ihnen mehr als ein Körnchen Wahrheit steckte. "Allein die Tatsache, dass Sie ihn töten wollen, macht ihn zu einem bessern Menschen als Sie es jemals sein werden." Malfoy wollte widersprechen, doch Morgaine ließ es nicht zu. Sie hatte genüg gehört. "Impedimentio!"

Malfoys Körper versteifte sich und für einen Moment dachte Morgaine, dass sie in Professor Flitwicks Unterricht weniger auf das Buch unter ihrem Tisch als vielmehr auf den Zwerg hätte achten sollen. Doch der Versteinerungszauber wirkte, und auch Malfoys lästernde Zunge verstummte schlagartig.

Morgaine ließ den Zauberstab sinken und befahl ihrem pochenden Herzen, sich zu beruhigen. Dann sah sie auf und blickte in Snapes schwarze Augen. Der Lehrer stand an der Wand, stützte sich mit einer Schulter daran ab. Er schien nicht verletzt zu sein. Und sie erkannte, dass auch er furchtbar wütend war.

Sie brachte keinen Ton heraus. Er wusste, dass sie mit einem Wort zu den anderen Schülern sein Leben ruinieren und ihm den Kuss des Dementors ausliefern konnte. Sie hatte ihn in der Hand und dafür hasste er sie jetzt mehr als jeden anderen seiner Schüler. Obwohl sie ihn verteidigt hatte. Gerade weil sie es getan hatte.

Und in diesem Moment hasste sie ihn auch. Nicht, weil er ein Todesser war. Oder ein ungerechter Lehrer. Die hasste ihn einfach, weil er nicht auf den Gedanken kam, dass sie ihn niemals verraten würde.

Morgaine drehte sich um und rannte aus dem Kerker.

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