Mondschein-Sonate

 

 

Zurück

 

Zurück zur 
Startseite


 

Kapitel 9: Dolcissimo / Affrettando / Furioso



"Hm-hmmm...la la la..."
"Mama?" "Schlaf, mein Kind, schlaf..." Mama summt leise. Mama wiegt sie in ihren Armen. Hin und her, hin und her, auf und ab... Es schaukelt so schön. Und Mama ist groß und weich und warm. Hm, ja, ankuscheln und schlafen, so kann es ruhig für immer bleiben, schaukel-schaukel... Hoppe, hoppe, Reiter... "Schlaf, mein Kind." Alles ist dunkel und weich und warm.

Ein kalter Windstoß. Mirela riss ihre Augen auf. 'Mama?! Wo bin ich?' Das hier war nicht das Wohnzimmer. Es war ein Wald. Baumstämme glitten an ihr vorüber. Und sie war auch kein kleines Kind mehr, oder? Aber sie wurde doch im Arm getragen. Und es schaukelte, auf und ab, auf und ab... Jemand lief sehr eilig durch einen Wald und trug sie. Mirela drehte den Kopf nach oben und sah nach. Oh, natürlich! Der Geist. Moment mal... Seit wann konnten Geister so fest zupacken? Sie kannte einen anderen Professor, der ein Geist war, Professor Binns, und als sie ihm an ihrem ersten Schultag die Hand geben wollte, war sie hindurchgeglitten wie durch Luft. Sie hatte nichts gespürt, außer einem eisigen Lufthauch. Professor Snapes Geist war sehr anders. Er hatte starke Arme, die angenehm spürbar waren, und er war warm. Er duftete nach Kräutern. Und da ihr Ohr an seiner Brust lag, konnte sie sein Herz schlagen hören. Es schlug sehr schnell, ob vom eiligen Laufen oder vor Aufregung. He, he, he, Moment mal, ganz langsam: "Verteidigung gegen die dunklen Künste", 1. Schuljahr: "Geister sind körperlose Wesen. Da sie tot sind, haben sie weder Atmung noch Herzschlag, noch sonstige Körperfunktionen." Ungläubig blickte Mirela hoch in das Gesicht des Mannes. "Severus???"
"In der Tat."

Severus! Er lebte! Er war hier, im Verbotenen Wald! "Was suchen Sie hier?", stammelte Mirela.
"Na, wohl dasselbe wie Sie", entgegnete er.
"Den Tod?"
"Ja. Oder denselben Werwolf wie Sie. Ich wurde einmal beinahe von einem Werwolf gefressen, als ich ein Schüler war. Ich dachte, ich könnte das endlich vollenden. Aber jedes Mal kommt einem jemand dazwischen. Sehr enervierend. Na ja, wenigstens habe ich Ihr Werwolf-Rendezvous auch gestört."
Mirelas Kopf schwirrte. Sie sagte erst einmal gar nichts mehr, lehnte nur ihren Kopf an, spürte die Wärme, hörte den Herzschlag und roch den herben Duft der Kräuter. In ihrem Kopf sang eine Stimme: 'Severus lebt! Er lebt, er lebt, er lebt!' Sie hätte die Welt umarmen können. Aber eigentlich war es genug, dass sie ihn umarmte. Sie hielt sich fester, als nötig gewesen wäre. Sie hatte plötzlich den Wunsch jeden Tag, jede Nacht so in seinen Arm gekuschelt zu bleiben. Severus, Severus, Severus...

Sie wusste nicht, wie lange sie so den Wald durchquert hatten. Da waren immer noch die vielen unheimlichen Geräusche um sie herum gewesen, aber auf Severus´ Arm hatte sie gar keine Angst gehabt. Jetzt übertraten sie die Schwelle hinaus in die Welt das Lichts - nun, immerhin des Mondlichts, das ja heute recht hell war. Mirela hatte nicht gedacht, dass sie je den Rückweg über diese Grenze antreten würde. Severus wohl auch nicht. Auf einer mondbeschienenen Wiese hielt er an und setzte sie im feuchten Gras ab. Er setzte sich erschöpft daneben. Es war ihnen egal, dass sie ein wenig nass wurden. Die Sommernacht war nicht kalt. Im Vergleich zum Wald war es hier geradezu umwerfend warm und hell. Snapes Atem ging stoßweise. Es musste ganz schön anstrengend gewesen sein, sie den weiten Weg in diesem Tempo zu schleppen. Mirela sah hinauf zum Vollmond. Sie hatte das Gefühl, sie müsste irgendwem danken. Vielleicht dem Mond. Irgendwem da oben. Oh natürlich, Severus auch! Für ihre Rettung. Aber im Moment fühlte sie mehr Dankbarkeit für sein Leben als für ihr eigenes.

"Severus", brach Mirela irgendwann das Schweigen, "ist es hier nicht zu gefährlich für Sie? Waren Sie nicht im Verbotenen Wald, um sich zu verstecken? Ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen in Schwierigkeiten kommen."
"Ach, auf einmal!", schnaubte Snape.
Erschrocken blickte Mirela in sein Gesicht und sah, dass es voll unterdrücktem Schmerz war. Er sah aus wie jemand, der dringend weinen müsste und es sich verbietet. Es gab ihr einen Stich, dieses versteinerte Gesicht zu sehen. "Ich möchte wirklich nicht, dass Ihnen etwas zustößt", versicherte sie leise, "Sie sind doch auf der Flucht vor den Auroren, nicht wahr?"
"Das hätten Sie wohl gern", sagte Snape bitter, "aber ich muss Sie enttäuschen."
Mirela versuchte, seine Worte zu begreifen. "Wie... ich meine... Sie wurden gar nicht verhaftet, oder wie?"
"Nein, wie kommen Sie darauf? Reines Wunschdenken, was?"
Mirela traten Tränen in die Augen, weil er so sarkastisch und verbittert wirkte. Das war der Snape, den sie seit Jahren aus dem Unterricht kannte. Aber der Mann, der mit ihr in seiner Kathedrale musiziert und geredet hatte, der richtig niedlich-schüchtern lächeln konnte... wo war der? Vielleicht war der heute tatsächlich gestorben. Sie schluckte und erinnerte sich, dass sie noch eine Antwort schuldig war. "Wunschdenken?", flüsterte sie, "ich hatte solche Angst um Sie! Hm, Sie wurden also nicht verhaftet. Konnten gleich fliehen, oder wie? Sie müssen doch aber zumindest mit den Auroren gekämpft haben, ich habe doch die Verwüstung in Ihren Kerkern gesehen!"
Snape lachte kurz auf, aber es war ein freudloses, kaltes Lachen. "Ach, darauf gründen Sie Ihre Theorie von meiner Verhaftung! Nein, ich hatte nie Besuch von Auroren. Das Chaos da unten hat jemand anders angerichtet."
Sie sah ihn mit großen Augen an. Wer sonst konnte so brutal dort gewütet haben? "Wer?", fragte sie nur.
Snape sah sie an und lächelte sehr spöttisch: "Sie haben sechs Jahre lang meinen Unterricht genossen. Ich dachte, Sie wüssten, dass ich zu Wutausbrüchen neige."
Mirela riss Mund und Augen auf: "SIE???"
Er nickte knapp.
"Aber warum?", hauchte Mirela.
"Ich hatte das besondere Vergnügen, das anregende Gespräch zwischen Ihnen und Ihrem Freund Rick mitanzuhören", erwiderte er, und jede Spur eines Lächelns war aus seinem Gesicht verschwunden, "man sollte stets damit rechnen, dass Snape durch die Gänge schleicht."

Kapitel 8

Kapitel 10

 

Zurück