Kinder der Nacht

 

 

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Kapitel 12: Unverhoffter Besuch 

 

Die Frau lag ausgestreckt auf dem breiten Bett, das in der Mitte des Zimmers an der Wand stand. Kein Licht erhellte den Raum, nur das Mondlicht schien hinein und warf groteske Schatten über ihren Körper. Trotz der Kälte, die überall in dem alten Gemäuer herrschte, war sie vollkommen nackt. Ihre Haut wirkte schneeweiß, eine Statue aus schimmerndem Elfenbein inmitten der Dunkelheit. Sie hatte die Augen geöffnet, doch ihr Blick ging ins Leere. Über ihre Wange lief eine einzelne, glitzernde Träne.

Noch nie, niemals in ihrem Leben hatte sich Christine Lestrange so sehr nach einem anderen Menschen gesehnt, wie sie sich in dieser Nacht nach Severus Snape sehnte. Sich danach sehnte, ihn zu berühren und von ihm berührt zu werden, eins mit ihm zu sein, nur für einen kurzen Moment die Zeit anzuhalten... Doch es durfte nicht sein. Ihre Liebe war zum Scheitern verurteilt, war es von Anfang an gewesen. Für sie beide gab es keine Hoffnung auf ein Happy End oder gar eine gemeinsame Zukunft. Die Beziehung, falls man das Verhältnis, das sie zueinander gehabt hatten, überhaupt als solche bezeichnen konnte, durfte auf keinen Fall fortgeführt werden. Oder Oliver würde Severus töten. Ein Schaudern rann durch ihren Körper, als sie daran dachte. Lieber würde sie ihr gesamtes Leben ohne ihn aber in dem Wissen verbringen, dass er lebte, als auf immer von ihm getrennt sein zu müssen.

Deshalb hatte sie ihm auch diesen Brief geschrieben. Er sollte glauben, dass er ihr nichts bedeutete, dass sie ihn niemals, zu keinem Zeitpunkt geliebt hatte. Sie wusste, wie sehr ihn ihre Worte verletzen würden, doch sie wusste auch, dass es die einzige Möglichkeit war, ihn zu schützen. Nun konnte sie nur noch beten, beten, dass er darüber hinwegkommen würde - und dass er nicht auf die Idee kam, sie zu suchen.


Severus Snape konnte nicht schlafen Stattdessen saß er an seinem Schreibtisch und plante seinen Selbstmord. In 48 Stunden musste alles gelaufen sein: Sein eigener Tod und im Idealfall auch jener Lionhearts. Niemand sollte jemals sagen können, er hätte nur halbe Sachen gemacht. Er hatte einmal angefangen und nun würde er es durchziehen - bis zum bitteren Ende. Was bedeutete es da noch, dass er eigentlich gegen seine Überzeugung handelte? Es war schwer genug gewesen, seine Schwäche sich selbst gegenüber einzugestehen. Sie der Öffentlichkeit preiszugeben war ihm unmöglich. Der einzige Mensch, dem er soweit vertraute, dass er sein Geheimnis mit ihm geteilt hatte, war Christine Lestrange gewesen. Vielleicht hatte er sie geliebt, liebte sie immer noch, doch dafür war es nun ohnehin zu spät. Er bedeute ihr nichts, das hatte sie ihm selbst gesagt - nein, geschrieben. Nicht einmal den Mut, es ihm ins Gesicht zu sagen, hatte sie aufgebracht.

Ärgerlich warf er seinen Federhalter auf den Tisch. Wie sollte er sich konzentrieren können, wenn sie immer wieder durch seine Gedanken spukte? Im Grunde hatte er bereits einen Plan. Keinen besonders guten zwar, aber gut musste er ja auch nicht sein. Schließlich hatte er ja nicht vor, lebend aus der Sache wieder herauszukommen.

Es gab tatsächlich einen Weg, unerkannt auf das Gelände von Hogwarts zu kommen. Noch dazu einen sehr einfachen. Man musste weder irgendwelche Passwörter kennen noch komplizierte Hindernisse überwinden. Die einzige Voraussetzung war, dass man ein bestimmtes Geheimnis kannte - ein Geheimnis, das seine Wurzeln in seiner eigenen Schulzeit hatte und dessen Entdeckung ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte. Remus Lupin, der Werwolf, war der Schlüssel. Als er damals nach Hogwarts gekommen war, hatte man einen geheimen Gang angelegt, dessen Einstiegsluke unter den Zweigen der Peitschenden Weide versteckt lag und der unterirdisch bis nach Hogsmeade, genauer gesagt direkt zur Heulenden Hütte führte, die von den Einwohnern für gewöhnlich gemieden wurde, da man sie für ein Spukhaus hielt. An Vollmond, also immer dann, wenn seine Transformation kurz bevorstand, brachten entweder Albus Dumbledore selbst oder aber Poppy Pomfrey, die Krankenschwester, Remus zu besagtem Gang, damit er sich, ohne andere in Gefahr zu bringen oder auch nur von ihnen bemerkt zu werden, in einen Werwolf verwandeln konnte.

Severus hatte einmal mit Evan Rosier gewettet, dass er es schaffen würde, das Geheimnis um Remus Lupin zu lüften. Sirius Black, der gemeine Hund, hatte das Ganze durch Zufall mitbekommen und sich einen Spaß daraus gemacht, ihm beim Abendessen leise zuzuflüstern, er müsse nur einen bestimmten Punkt an der Peitschenden Weide mit einem Ast berühren, um herauszufinden, was sich unter ihren Zweigen verbarg. Wie dumm war er damals nur gewesen, diesem falschen Gryffindor zu vertrauen!

Natürlich war er gegangen und natürlich war ihm Remus in Wolfsgestalt begegnet. Ein fatales Ende wäre vorprogrammiert gewesen, wäre nicht dieser verdammte James Potter aufgetaucht und hätte ihm, mutig, wie er nun einmal war, das Leben gerettet. Noch heute betrachtete Severus diese Nacht als wegweisend für alles, was danach geschehen war. Wäre er damals nicht so gedemütigt worden, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass Black ungeschoren davongekommen war, vielleicht wäre alles anders gekommen. Vielleicht wäre er vernünftiger gewesen, hätte sich zusammengenommen und einen anständigen Beruf ergriffen. Vielleicht wären seine Gedanken nicht so voll von Hass und dem Streben nach Rache gewesen. Vielleicht wäre er niemals Todesser geworden. Vielleicht...

Schluss damit, befahl er sich selbst. Für solche Überlegungen war es nun zu spät. Er hatte seinen Auftrag und nun musste er sehen, wie er damit klarkam. So gesehen hatte der Zwischenfall damals doch sein Gutes gehabt. Er würde nach Hogsmeade apparieren und durch die Heulende Hütte in den Gang einsteigen. So konnte er die Tore umgehen und brauchte damit auch keine Passwörter oder Schlüssel. Wie er allerdings von der Peitschenden Weide ins Schloss kommen sollte, darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Fest stand, dass die Aktion nachts ablaufen musste, was hieß, dass die Türen verschlossen sein würden. Er musste also einen Weg finden, irgendwie einzubrechen. Nicht, dass er mit so etwas noch keine Erfahrung gesammelt hätte. Ganz im Gegenteil, bei den zahllosen Aufträgen, die er bereits im Namen Lord Voldemorts ausgeführt hatte, war es beinahe immer notwendig gewesen, in ein Gebäude einzudringen - wenn es sein musste mit Gewalt.

Aber das hier, das war etwas völlig anderes. Hogwarts war eine Festung, vollkommen uneinnehmbar, der sicherste Ort in der gesamten Zauberwelt. Seufzend ließ er seinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Es hatte ja doch keinen Sinn. Den ehrenvollen Tod, den er für sich geplant hatte, konnte er vergessen. Wahrscheinlich würde ihn Voldemort stattdessen vor der versammelten Todesserschaft zuerst demütigen, dann foltern und letztendlich töten. Nein, so hatte er sich das Ganze wahrhaftig nicht vorgestellt.

Draußen vor dem Fenster begann bereits der Morgen zu dämmern, als er, noch immer an seinem Schreibtisch sitzend, einschlief.

Es war beinahe Mittag, als er durch ein jähes Klopfen an der Tür unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Er schreckte hoch, blinzelte und schien für einen Moment nicht zu wissen, wo er sich überhaupt befand. Ein zweites Klopfen, diesmal begleitet von einem ungeduldigen "Hallo! Aufmachen" ließ ihn jedoch schnell wieder zu vollem Bewusstsein kommen. Verdammt! Was, wenn das Ministerium... "Sev, ich weiß, dass du da bist! Bei Merlin, jetzt mach doch endlich auf! Ich habe schließlich nicht ewig Zeit!" Severus fühlte, wie ihn eine unsinnige Erleichterung überkam. Er erkannte die Stimme. Der Mann an der Tür war Oliver Lestrange.

Er fuhr sich mit den Fingern durch das wirre Haar und wollte sich gerade daran machen, zu öffnen, als ihm ein anderer Gedanke kam - einer, der viel schrecklicher war als alle Auroren des Ministeriums zusammen. Was, wenn Oliver von ihm und Christine wusste? Natürlich, er musste es wissen, es gab keine andere Erklärung für diesen Besuch. Wahrscheinlich hatte ihm Christine alles erzählt und nun war er gekommen, um ihn zu töten. Oliver Lestrange ließ sich nicht hinters Licht führen, von nichts und niemanden und schon gar nicht von ihm, Severus Snape.

"Oh Sev, was soll das? Ich brauche deine Hilfe!" Hilfe? Konnte es sein, dass er am Ende gar nicht... Nein! Es war unmöglich. Solche Zufälle gab es nicht. Er musste raus hier und zwar so schnell wie möglich. Natürlich war die Tür mit einem Schutzzauber versehen, was allerdings nicht hieß, dass es unmöglich war, sie einfach einzutreten. Solcher Methoden bedienten sich Zauberer zwar im Normalfall nicht, aber wenn Oliver wütend war, wurde er vollkommen unberechenbar. Das hatte Severus in den vielen Jahren, die er ihn nun schon kannte mehr als einmal miterleben müssen. Apparieren. Das war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, als er über einen möglichen Fluchtweg nachsann. Weg. Irgendwohin. Nur nicht hier bleiben.

"Komm schon, es ist dringend! Der Auftrag... ich brauche eine Flasche von dem Vielsafttrank. Du bist doch sonst nicht der Typ, der seine alten Freunde in Stich lässt!" Severus hielt inne. Eigentlich klangen diese Worte durchaus ehrlich. Genau wie er hatte schließlich auch Oliver einen geheimen Auftrag von Voldemort erhalten - und es war im Grunde nicht ungewöhnlich, dass für eine Aktion dieser Art die Identität einer anderen Person angenommen werden musste. Eine solche Verwandlung war nur mit Hilfe des Vielsafttranks möglich und als ganz persönlicher "Giftmischer" des Dunklen Lords war es im Normalfall seine Aufgabe, ebendiesen herzustellen. Wahrscheinlich war er einfach nur paranoid. Getragen von diesem Gedanken verzog er ärgerlich das Gesicht und öffnete die Tür.

Tatsächlich hatte Olivers Besuch nicht das Geringste mit Christine zu tun. Wie sich herausstellte war der Vielsafttrank die einzige Möglichkeit an sein Opfer heranzukommen und so hatte er sich an Severus als einen der wenigen gewandt, die ihn innerhalb weniger Stunden herstellen konnten. Nun, während der Trank im Kessel ruhig vor sich hin blubberte, saßen sie auf dem Sofa und tranken Butterbier aus Flaschen. Severus machte keine Anstalten, von seinem eigenen Auftrag und dessen Vorankommen zu sprechen und Oliver fragte auch nicht nach. Auch er hatte nicht mehr als unbedingt notwendig von seinem Vorhaben preisgegeben und so entsprach es auch durchaus dem ungeschriebenen Gesetz der Todesser.

So saßen sie einander eine Weile schweigend gegenüber, bis Oliver plötzlich eine für Severus ganz und gar unerwartete Frage stellte. "Sag mal, hast du auch den Eindruck, dass sich Christine in letzter Zeit etwas... seltsam benimmt?"
"Seltsam?" Severus spürte, wie sich in ihm alles zusammenzog. Also doch. Er wusste es. Er spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach und Schauer den Rücken hinunterjagte. Trotzdem riss er sich zusammen, so gut es eben ging und fragte: "In wiefern?"

"Na ja, sie war ja noch nie besonders gesprächig, aber in letzter Zeit ist sie geradezu still geworden. Manchmal wirkt sie richtiggehend abwesend. Vielleicht wäre mir all das gar nicht aufgefallen, wenn die Sache nach der Versammlung vorgestern Nacht nicht gewesen wäre."
"Und?" Severus schluckte schwer, "Was ist passiert?"
"Als ich noch einmal zurück nach Hause appariert bin, um ein paar Sachen zu holen, war sie nicht da. Das kam mir an sich schon komisch vor, da sie die Lichtung bereits vor mir verlassen hatte, also beschloss ich auf ihre Rückkehr zu warten. Es dauerte auch wirklich nicht lange, da kam sie. Ich kann es nicht beschwören, aber bei Merlin, sie sah aus, als käme sie gerade von einem Rendezvous." Severus öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Oliver hob die Hand und gebot ihm zu schweigen.

"Natürlich weiß ich, dass das völliger Blödsinn ist. Mit wem soll sie sich den mitten in der Nacht noch getroffen haben? Sie hat mir erzählt, sie hätte ihre Kette auf der Lichtung verloren und wäre zurückgegangen, um sie zu holen und im Grunde glaube ich ihr das auch, aber trotzdem... da ist etwas, das ich nicht greifen kann, aber es macht mir Angst." Er sah beinahe geknickt aus, während er das sagte. "Sev, also... glaubst du, Christine würde mich betrügen?"

Es war eine ernstgemeinte Frage, das spürte Severus. Was ging hier nur vor? Wollte Oliver ihn aus der Reserve locken oder hatte er wirklich keinen blassen Schimmer, dass er es war, den Christine Lestrange in besagter Nacht getroffen hatte? Er entschied sich dafür, auch weiterhin den Ahnungslosen zu spielen und antwortete schließlich mit entrüsteter Stimme:

"Also Oliver, wie kommst du denn darauf? Wirklich, Christine ist der letzte, aber auch der allerletzte Mensch, dem ich so etwas zutrauen würde! Schau sie dir doch nur mal an! Sie betet dich an, mit allem was sie tut und sagt. Schon damals in der Schule gab es für sie keinen anderen Jungen als dich! Du siehst Gespenster, Oliver!"

"Meinst du wirklich?"

"Wirklich." Severus nickte beschwichtigend. "Sie liebt dich, glaub mir."

Olivers Miene hellte sich langsam auf. "Wahrscheinlich hast du recht. Trotzdem fand ich, dass es besser wäre, wenn während meiner Abwesenheit jemand ein Auge auf sie hätte. Deshalb hab ich sie gestern zu ihren Eltern gebracht. Mann, ich kann dir sagen, das war ein ganz schönes Stück Arbeit, bis ich die beiden dazu gebracht hatte, sie für ein paar Tage bei sich aufzunehmen, aber am Ende hat es doch geklappt." Er grinste selbstzufrieden. "Jedenfalls wird sie bis zu meiner Rückkehr keinen Blödsinn anstellen können, ob sie das nun vorhatte oder nicht."

"Du meinst, du hast sie eingesperrt?" Severus rang um sein letztes bisschen Selbstbeherrschung. Das war es also gewesen, der Grund für den Brief, den sie ihm geschrieben hatte. Sie hatte keine andere Wahl gehabt. Er spürte, wie sein Herz bei dem Gedanken aussetzte, sie könnte ihn vielleicht noch immer lieben.

"Aber, aber... es sind schließlich ihre Eltern. Sie sollen nur ein paar Tage auf sie aufpassen, das ist alles. Und schließlich geschieht es doch zu ihrem eigenen Besten." Severus hätte ihn am liebsten angebrüllt oder mitten ins Gesicht geschlagen für das, was er Christine antat, beherrschte sich jedoch im letzten Moment und verwies kühl und sachlich darauf, dass der Trank nun fertig war und abgefüllt werden musste. Oliver nickte, erhob sich etwas schwerfällig und reichte ihm ein Gefäß, das er eigens für diesen Zweck mitgebracht hatte.

Kurz darauf verließ er zusammen mit einer größeren Menge Vielsafttrank die Wohnung, in der ein nun vollends verwirrter Severus Snape dabei war, die Ereignisse dieses Nachmittags noch einmal Revue passieren zu lassen. Er hatte zwei Möglichkeiten: Entweder er widmete sich wieder seinem Auftrag oder er ließ alles stehen und liegen und machte sich auf den Weg zu Christine.

Die Wahl fiel ihm nicht besonders schwer.

 

  Kapitel 11

 

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