Alcyone - Teil 3

 

 

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Kapitel 1


Severus Snape saß an seinem Schreibtisch und schaute auf das Foto, welches vor ihm in der Schublade lag. Er betrachtete das junge, lächelnde, ihm zuwinkende Mädchen und fuhr mit seiner rechten Hand über das Papier. 

Wie sehr er sie vermißte.

Alcyone. Alcy, wie er sie immer nannte. Die Frau, die er über alles liebte. Die einzige Person, die er überhaupt liebte. 

Die Tatsache, daß er nur diese alte Photographie von ihr hatte, machte die Situation, in der er sich befand, nur noch schlimmer. 

Er hatte sie jetzt einen Monat nicht mehr gesehen und die wenigen Briefe, die sie sich Beide schickten, kurz und völlig belanglos im Inhalt, das auch niemand Verdacht schöpfen konnte, waren nur ein jämmerlicher Trost für den Schmerz, den er aufgrund der Trennung empfand.

Wie gerne hätte er ein aktuelles Foto von ihr gehabt, aber Alcyone war seit dem schicksalhaften Besuch vor einem Monat nicht mehr hiergewesen und hatte damals kein Foto von sich dabei gehabt. Sie hätte ihm eines zuschicken können, aber Beide wußten, daß es gefährlich war. Der Brief könnte durch irgendeinen unglücklichen Zufall abgefangen werden und das könnte schlimme Folgen mit sich bringen. Folgen, über die Severus lieber nicht nachdenken wollte. 

Er warf einen letzten Blick auf das Foto, wünschte sich (zum mindestens hundertsten Mal heute), daß sie hier bei ihm wäre, wohl wissend, daß es nicht so einfach war, und schloß mit einem Seufzer die Schublade.

Severus nahm seine Feder in die Hand, die neben einem Stapel unkorrigierter Hausaufgaben lag und wollte sich gerade an die unangenehme Aufgabe machen, diese durchzuarbeiten, als ein Blick an dem Kalender hängenblieb. Er starrte auf das Datum. Heute war einer der wenigen Tage im Jahr, die er in der Vergangenheit über alles gehaßt hatte. Aber jetzt hatte sich sein Leben verändert, auf äußerst positive Art und Weise, und diese Tatsache hatte nun seine Meinung gegenüber solchen besonderen Tagen aufs äußerste geändert. 

Anstatt einer der vielen, beschrifteten Pergamentblätter vom Stapel zu nehmen, zog Severus ein unbeschriftetes von einem anderen Stapel und begann einen kurzen Brief zu schreiben, in einer Art und Weise, wie er es noch nie zuvor getan hatte.



Gerade, als Severus die fünfte Pergamentrolle zusammengeknüllt hatte und im Papierkorb unter seinem Schreibtisch verschwinden lassen wollte, hörte er im Nebenraum Geräusche. 

Seine Schüler waren eingetroffen.

Severus legte die Feder beiseite und erhob sich von seinem Stuhl. Er war so sehr damit beschäftigt gewesen, die richtigen Worte zu finden, daß er tatsächlich seinen Unterricht vergessen hatte.

Genervt von der Tatsache, sich jetzt mit gut zehn nervigen Gryffindor, unter ihnen niemand geringeres als die allwissende Hermine Granger, und genauso vielen Slytherins, die nicht unbedingt angenehmer waren, herum zu ärgern, stieß Severus die Tür zum Unterrichtsraum auf und legte den Weg zu seinem Lehrerpult in raschem Tempo zurück, so daß sein Umhang umher wehte.

Dort angekommen warf er einen abschätzigen Blick in die Runde und sagte mit tonloser Stimme: "Heute werden Sie den Heiltrank brauen, über den ich Ihnen in der letzten Stunde erzählt habe. Wenn Sie aufmerksam zugehört und mitgeschrieben haben, dürfte das für Sie kein Problem sein."

Severus konnte erkennen, wie mindestens vier Schüler einen fragenden Gesichtsausdruck machten. Er hatte auch nichts anderes erwartet. Nicht viele, nein, eigentlich sehr wenige, beherrschten die schwierige Materie des Zaubertrankbrauens und in dieser Klasse schien keiner wirklich dazuzugehören. 

"Äh Professor Snape?" 

Severus schielte zu der Schülerin, der ihn angesprochen hatte. Es war niemand anderes, als Hermine Granger, die sich aufgerichtet hatte und deren rechte Hand dadurch fast die Decke berührte. 

Warum mußte diese Person auch zu allem ihre Meinung dazu geben, selbst dann, wenn sie völlig fehl am Platz war.

Drohend richtete er seine Augen auf ihre. "Was gibt es Miß Granger?" 

Es hatte gewirkt. Hermine Granger schrumpfte etwas zusammen und ihre Stimme war fast nur noch ein Piepsen als sie ihm erklärte, daß sie nicht anfangen könnte, da sie allesamt keine Zutaten hatten.

Severus mußte sich eingestehen, daß es sein eigenes Verschulden war, daß keine Zutaten an den Plätzen lagen. Natürlich wollte er diesen Fehler nicht offen vor seine Klasse zugeben und sagte statt dessen im schroffen Ton "Miß Granger, Sie sollten inzwischen in der Lage sein, sich die Zutaten selber zu besorgen. Später, wenn Sie hier jemals ihren Abschluß schaffen, wird Ihnen auch keiner diese Aufgabe abnehmen. In diesem Raum stehen sehr viel Gläser und Phiolen, wie wäre es, wenn sie ihren Hintern in Bewegung setzen und sich die Zutaten selber zusammensuchen."

"Aber Professor", begann Hermine Granger kleinlaut, aber Severus unterbrach sie sofort. 

"Kein Aber, Miß Granger. Wird's bald", herrschte er sie an.

Geknickt über seinen Tonfall lief Hermine Granger in Richtung der Regale, in der Severus seine Zutaten aufbewahrte und nahm ein Glas nach dem anderen heraus. 

Severus, der ihr kontrollierend nachgeschaut hatte, wandte sich zum Rest der Klasse. "Das selbe gilt auch für Sie."

Unter dem Knarren und Scharren vieler Stühle erhoben sich die restlichen Schüler und machten sich unter dem prüfenden Auge Severus' ebenfalls auf den Weg zu den Regalen. 

"Wenn einer von Euch auch nur ein Glas fallenläßt, bedeutet das eine Woche Strafarbeit und erheblichen Punktabzug!", warnte er sie in bedrohendem Tonfall. 

Severus war äußerst empfindlich, was seine Vorräte an Zutaten anging. Jede seiner ersten Klassen warnte er regelmäßig in einer der ersten Stunden, daß sie ja ihre Finger von den Regalen lassen sollten und drohte ihnen mit Strafarbeit und Punktabzug. Daß er sie jetzt plötzlich an die Regale ließ, mochten sie alle ungewöhnlich finden und Severus war es auch gar nicht recht, aber es war die einzige Möglichkeit, um seine Nachlässigkeit geschickt zu verbergen.

Severus, oder auch die Schüler (das kam auf den Blickwinkel an) hatten Glück, denn keiner ließ auch nur ein Glas fallen und nachdem etwa gut fünf Minuten verstrichen waren, befand sich jeder wieder, mitsamt den Zutaten, an seinem Platz. 

"Worauf wartet ihr noch? Fangt an!", herrschte Severus seine Klasse an, nachdem keiner auch nur Anstalten gemacht hatte, eine der Zutaten zu berühren.

Severus zog sich seinen Stuhl her uns setzte sich an den Pult. Er hatte dort ein paar der vielen Hausaufgaben liegen lassen, die er während des Unterrichts letzte Woche angefangen hatte zu korrigieren und wollte nun daran weiterarbeiten. 

Obwohl er diese Art von Arbeit nicht besonders leiden konnte und sich ständig über die schrecklichen Fehler in den Aufsätzen aufregte, sich oft fragte, ob es überhaupt jemand gab, der jemals eine Eins bei ihm erreichen würde, mußte dieses Arbeit getan werden. Er nahm sich also das oberste Pergament vom Stapel, tauchte seine Feder in die rote Tinte und begann zu lesen.

Severus korrigierte gerade den dritten Aufsatz mit dem Thema "Erklären Sie die Wirkung von Einhornblut und warum ist dessen Gebrauch verboten?", als das Geräusch eines explodierenden Kessels ihn aufblicken ließ.

Nicht schon wieder, dachte er sich, als er feststellte, wessen Kessel es war.

Neville Longbottom hatte es wieder geschafft, einen Trank in die Luft zu jagen und stand jetzt mit schwarzem Gesicht inmitten eines Desasters.

Warum mußte dieser Schüler es auch immer wieder schaffen, seinen Unterrichtsraum zu verwüsten und ihm die Laune damit noch mehr zu vermiesen. 

"Mr. Longbottom!", schrie Severus ihn mit wütender Stimme an. "Können Sie denn gar nichts richtig machen?!"

Er stand von seinem Stuhl auf, lief rasch zu Longbottoms Platz und verschaffte sich einen ersten Überblick der Situation. Er fand auch sofort die Ursache für das Malheur. 

"Mr. Longbottom, der Schwanz welcher Tierart gehört in den Trank?" 

Neville Longbottom, der völlig fertig war, brachte keinen Ton heraus. 

"Eine Echse", half ihm Severus. Nur klang es bei ihm nicht wie eine Hilfe, sondern eher wie eine Belehrung. 

Severus nahm einen der Schwänze, die auf Nevilles Tisch lagen und hielt sie ihm entgegen. "Ist das der Schwanz einer Echse?" 

"Nein Professor", quiekte Neville. 

"Kannst du denn gar nichts richtig machen Longbottom?!", schrie Severus ihn an, so daß es die ganze Klasse hören konnte. "Du bist eine Schande für die ganze Schule, weißt du das? Ich glaube, kein Lehrer glaubt auch nur im geringsten daran, daß du auch nur die Chance auf einen guten Arbeitsplatz hast!"

"Aber Miß Hide hat gesagt, daß ich gute Chancen in der Kräuterkunde habe", sagte Neville mutig. Er konnte natürlich nicht wissen, daß er damit einen sehr wunden Punkt bei Severus getroffen hatte und dieser damit auf seine Art reagierte.

"Miß Hide," sagte Severus eiskalt und beugte sich mit seinem Gesicht zu Nevilles runter, "ist aber nicht mehr hier." 

Ja, sie war nicht mehr hier und keiner bedauerte es mehr als Severus und obwohl er wußte, daß Alcyone mit Sicherheit recht hatte, wenn sie behauptete, Neville Longbottom hätte gute Chancen in ihrem Bereich, war es nicht das, was Severus so wütend gemacht hatte. Die Tatsache, daß sein schlechtester Schüler ihn überhaupt daran erinnerte, daß seine Alcy weit weg war, war es. Sein Verhalten Neville gegenüber war sicher nicht korrekt, aber es war die einzige Art, die Severus kannte, um mit Trauer und Schmerz umzugehen. Allerdings hatte er, seitdem er seine Alcy wiederhatte, etwas von seiner kalten, fiesen Art abgelegt und unterließ es, Neville noch weiter zu demütigen und ersparte ihm den von ihm mit Sicherheit erwarten Punktabzug und gab ihm auch keine Strafarbeit. 

"Räum die Sauerei weg," befahl er Neville schließlich, "und dann stell dich zu Potter und schau ihm zu. Hilf ihm nur, wenn er dich darum bittet."

"Ja Professor", stammelte Neville.

Daß Severus ihn gerade Harry zuteilte, war ein unbeabsichtigter Nebeneffekt dessen, was Neville mit dem Aussprechen des Namens Hide bei ihm ausgelöst hatte. Er wollte Harry damit keineswegs schaden; dem hatte Severus die letzten Jahre genüge angetan. Severus hatte Harry nie wirklich gehaßt. Das hatte er nicht nur einmal bewiesen. Schließlich hatte er ihm schon einmal das Leben gerettet. Es war einzig und allein die Tatsache, daß Harry der einzige Nachkomme derer war, die er für die Zerstörung seines Lebens verantwortlich gemacht hatte. Immer wenn er ihn hatte ansehen müssen, sah er James Potter vor sich. Und mit James' Gesicht kamen auch die anderen in seine Erinnerung. Sirius Black, Remus Lupin, Peter Pettigrew und natürlich Alcyone Hide. Vor allem Alcyone Hide. Die Gedanken, die sich daraufhin in seinen Kopf einschlichen, waren so voller Haß und Schmerz auf diese Personen gewesen, daß er gar nicht anders konnte, als seinen Haß auf alle anderen zu übertragen, insbesondere natürlich auf Harry. 

Severus beobachtet Neville dabei, wie er seinen Tisch abwischte, den Inhalt seines Kessels in den Ausguß schüttete und schließlich zu Harry lief, der ihn mitleidig ansah. 

Zufrieden beobachtete er einige Minuten die Schüler, wie sie artig alle Zutaten in ihre Kessel gaben und sich dabei allesamt konzentriert verhielten. Dann beschloß er, daß es wieder an der Zeit war, einen kleinen Rundgang durch die Schülerreihen zu machen. Severus glaubte zwar, daß es nun keine weitere Explosionen geben würde, aber er wollte dennoch sicher gehen, daß nicht doch irgendein Schüler vielleicht kurz davor war, den Kerker in die Luft zu jagen.

Bei seinem angestrebten Ziel, der hintersten Reihe, in der sich die meisten Gryffindor zu verstecken versuchten, kam Severus an einem Spiegel vorbei. Unwillkürlich riskierte er einen Blick hinein und war wieder einmal mehr über seinen eigenen Anblick überrascht. Seit Alcyone wieder in sein Leben getreten war, hatte das nicht nur Auswirkungen auf sein Innerstes gehabt, sondern auch auf sein Äußeres. Er kleidete sich zwar immer noch schwarz, was aber nicht an seiner Stimmung lag (die momentan tatsächlich die Farbe Schwarz am ehesten traf), sondern einfach nur daran, daß er nichts anderes hatte und seine bequeme Kleidung einfach mochte. Sein Äußeres hatte sich in dem Punkt verändert, daß er begonnen hatte, sich regelmäßig die Haare zu waschen und sie dadurch nicht mehr übertrieben fettig waren. Er hatte an dem Tag mit ausgiebiger Körperpflege angefangen, als er am Morgen in seinem Bett die einzige Person schlafen gesehen hatte, für die es sich lohnte zu leben. Die Frau, die seinem Leben endlich wieder einen Sinn 
gegeben hatte. Daß noch keiner der Schüler Mutmaßungen angestellt hatte und noch keinerlei Gerüchte in der Schule herumgingen, grenzte fast an ein Wunder. Das mochte vielleicht nur daran liegen, daß Severus sich in seiner Art anderen gegenüber nur minimal geändert hatte, so daß es kaum auffiel.

Severus erwischte sich dabei, wie er seinem Spiegelbild zulächelte. Schnell, in der Hoffnung, von keinem Schüler beobachtet worden zu sein, wandte er sich von dem silbernen Spiegel ab und setzte seinen Kontrollgang (der eigentlich noch gar nicht angefangen hatte) fort. 

Die Schüler zuckten reihenweise zusammen, wenn sie seinen kalten Atem in Nacken fühlten und Severus konnte ihre Angst regelrecht spüren. Obwohl er doch einiges von seiner Bedrohlichkeit seit dem Sonntagmorgen im Januar verloren hatte, war er immer noch der meist gefürchtetste Lehrer in Hogwarts. Er hatte einen Ruf inne, den er nicht so leicht loswerden würde und den er, wenn er ehrlich war, auch nicht loswerden wollte. Nur so war seine - und vor allem Alcys Sicherheit - garantiert. Denn so schöpfte sicher keiner Verdacht. 

Zufrieden stellte Severus fest, daß alle Schüler ihren Trank im Griff hatten und es bei keinem den Anschein hatte, daß noch einer explodieren würde.

Severus verbrachte den Rest der Stunde damit, wieder an seinem Lehrerpult zu sitzen und Hausaufgaben zu korrigieren. Dabei erlaubte er sich gelegentlich einen Blick in Richtung Schüler, nur um wirklich sicherzugehen, daß alles in Ordnung war.

Der Unterricht endete tatsächlich ohne einen weiteren Zwischenfall und war einer der wenigen (wenn nicht sogar der einzige) in denen Severus Gryffindor keinen einzigen Punkt abgezogen hatte. Er entließ die Klasse sogar ohne Hausaufgaben und so schnell wie heute hatten sie seine Klasse noch nie verlassen. Wahrscheinlich vermutete jeder, daß er ihnen doch noch Aufgaben geben würde und sie das zu verhindern wußten, wenn sie sich schnell aus dem Staub machen würden. Tatsache war aber, daß Severus einfach keine Lust hatte, noch mehr Hausaufgaben zu korrigieren.

Nach dieser Stunde war Severus außerdem froh, bis zum Mittagessen keinen weiteren Unterricht mehr zu haben und nachdem er die übriggebliebenen Reste, die ein paar Schüler versehentlich liegengelassen hatte, aufgeräumt hatte, machte er sich schnell auf den Weg in sein Büro, um den schon mehrfach angefangenen Brief weiter zu schreiben.

Nachdem er weitere zehn Pergamentrollen im Müll verschwinden lassen hatte - und Pergament langsam Mangelware wurde - gab Severus schließlich resigniert auf, kreativ zu sein und schrieb einfach das hin, was er in diesem Augenblick dachte, faltete das Blatt zusammen und legte es auf die Seite. 

Für den Umschlag war ihm, während er den sechsten oder siebten Brief zusammengeknüllt hatte, etwas besonderes eingefallen, das den Empfänger unverkennbar auf den Absender, ihn, hinwies.

Severus holte seinen Zauberstab hervor, richtete ihn auf ein leeres Pergamentblatt und sprach mit einem Lächeln auf den Lippen eine Zauberformel.


  Kapitel 2

 

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