Hier gibt es Monster

 

 

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Kapitel 6: Symphonien der Seele

 

Unter Iris' wachsamen Augen beende ich mein Frühstück. Ich bin besorgt, heute Morgen eine Unterhaltung zu beginnen, weil ich fürchte, die gute Elfe könnte mich mit ihrem Staubwedel angreifen. Außerdem muss ich zugeben, dass mir nach dem langen und traumlosen Schlaf so ein müßiges Frühstück sehr willkommen ist.
Ich wünschte nur, ich würde mich nicht so um Harry sorgen. Iris hat mir versichert, dass Minerva sich gleich nach dem Lehrerfrühstück mitsamt dem Feuerblitz per Flohpuder auf den Weg gemacht hat. Wenn sie etwas Beunruhigendes festgestellt hätte, hätte sie mir schon Bescheid gegeben. Dennoch kann ich nicht umhin, besorgt zu sein.
Nachdem ich meine dritte Portion Omeletts beendet habe (Iris macht sie selbst und das ist wirklich eine Kunst), erhebe ich mich und gehe ins Büro. Die Person, mit der ich sprechen will, sitzt wartend in meinem Büro, wie ich es auch nicht anders erwartet habe. Ich mache es uns beiden gemütlich und warte darauf, dass er zu sprechen beginnt.
"Albus Dumbledore", die bekannte trockene Stimme tut mir gut und ich bin froh, dass Iris diese Idee hatte, "habe ich Sie nicht schon vor, oh, einhundert-und-fünfzig Jahren einsortiert?"
"Ich glaube, das haben Sie." Ich muss lächeln. Der Humor des Sprechenden Hutes ist angenehm, zumindest, wenn es der deine ist.
"Sicher möchten Sie sich nicht darüber mit mir unterhalten? Ich hatte damals schon genug Probleme mit Ihnen. Ich dachte schon, ich müsse jemanden finden, der Sie vom Stuhl schmeißt!" Der Hut knurrt freundschaftlich bei dieser Erinnerung.
//Ach, die alten Zeiten.//
"Sie haben immer noch Identitätsprobleme, wie ich sehe", fährt der Hut fort. "Warum in Herrgotts Namen spielen Sie immer noch DIESES Spiel?"
"Ich spiele nicht", bekenne ich sanft. "Es scheint an mir zu haften, obwohl ich alles versuche, um es loszuwerden."
"Machen Sie so etwas nicht mit mir." Der Hut starrt mich an. "Sie haben es nicht sehr hart versucht und Sie wissen es!"
"Ich nehme an nein. Er hilft mir, mich zu motivieren. "
"Das will ich gehofft haben. Doch sei so gut und bringe ihn dazu, leise zu sein. Als ich das letzte Mal versucht habe, mit multiplen Persönlichkeiten umzugehen hat es eine Woche lang geschmerzt."
Ich erinnere mich. Das war der Fall eines muggelgeborenen Mädchens, dessen Eltern Mitglieder in einer religiösen Sekte waren und sie hatten versucht, sie zu exorzieren, als ihre Stärke sich zu festigen begann. Als sie zu uns kam, war sie ein Slytherin und zwei Ravenclaws im selben Körper.
"Also, was wollen Sie, Albus? Ich verwette meine Krempe, dass es etwas mit Harry Potter zu tun hat!"
"Warum sagen Sie das?" Ich frage eher, um Konversation zu machen als aus einem anderen Grund.
"Dieser Junge zieht Probleme mehr an, als in den letzten tausend Jahren sonst wer in diesem Schloss, deshalb!" Das Knurren des Hutes klingt gleichgültig. "Deshalb ist er auch so ein interessanter Fall."
Ich lächle wieder. Iris hatte natürlich Recht. Der Hut ist die einzige Person in Hogwarts, und sicherlich auch die einzige in Britannien, die über mehr Wissen und Erfahrungen mit Zauberern verfügt, als Minerva und ich.
"Das ist er", gebe ich zu. "Und es geht um ihn."
"Und mit Ihnen", fügt der Hut hinzu.
Ich bin überrascht. Ich hatte nicht erwartet, so schnell zu diesem Teil der Unterhaltung zu kommen.
"Vergessen Sie etwa", fährt der Hut fort, "dass ich höchstwahrscheinlich der größte Legiliment der Welt bin? Besonders, wenn Sie mich tragen!"
Daran hatte ich zuvor nie gedacht.
"Das sollten Sie! Ich bin nicht nur dazu da, den Regen von ihrem Kopf fernzuhalten, wissen Sie!"
"Dessen bin ich mir bewusst", sage ich ein wenig gereizt, "nicht, dass Sie uns jemals eine solche Meinung formen lassen würden. Und würden Sie bitte warten, bis ich Ihnen etwas sage, bevor Sie antworten?"
"Ich nehme an, das könnte ich", seufzt der Hut, "wenn Sie diesen langweiligen und langsamen Weg bevorzugen."
"Lassen Sie mir meinen Willen."
"Nun, da ich heute Morgen nichts weiter zu tun habe, sollte ich dies tun."
"Habe ich Sie bei etwas unterbrochen?" Ich bin mir sicher, dass ich das nicht habe und ich hätte dafür auch kein Ohr frei.
"Nicht wirklich", gibt der Hut zu, "ich hatte nur begonnen, ein Lied für das Willkommensfest zu komponieren. Ich weiß nicht einmal weshalb, denn letztes Jahr hat mir sowieso niemand zugehört!"
Ich denke an die Nachricht, die er uns beim letzten Willkommensfest hat zukommen lassen. Sie hatte betont, dass die Häuser zusammenhalten sollten. Und es ist wahr, dass niemand seinen Rat beachtet hat.
"Vielleicht sollten Sie in diesem Jahr drängender sein."
"Ich werde mir einen eigenen Song überlegen, danke!" Der Hut klingt verletzt. "Und gerade Sie müssen reden!"
"Ich weiß, welche Fehler ich in diesem Jahr gemacht habe." Ist es nicht seltsam, dass man seine Fehler zwar selbst einsehen kann, es aber dennoch nicht verträgt, wenn man von einem anderen kritisiert wird?
"Das sollten Sie auch." Der Hut ist weder dafür bekannt nett noch geduldig zu sein. "Solch ein komplettes Fiasko habe ich selten erlebt, selbst im Krieg oder kurz davor nicht."
"Es scheint, als hätten wir das jetzt in der Hand."
"So ist es, ein Grund mehr, mir zuzuhören und sich zu ändern. Letztes Jahr habe ich gedacht, ich hätte allen klar gemacht, dass sie zusammenhalten müssen. Das bedeutet, zu KOMMUNIZIEREN, für den Fall, dass sie mich nicht verstehen. Und was ist passiert? Lassen Sie uns nachdenken, Sie haben Harry ignoriert, anstatt ihn zu beschützen. Potter hat im Gegenzug aufgehört mit jedem zu reden, den er nicht anschrie. Währenddessen ist jedes der Häuser seinen eigenen Weg gegangen. Und jetzt herrscht offen Krieg, eine Schule zerrissen von Angst und Streitereien, ein Ministerium, das sich spaltet und eine gesamte Zauberergesellschaft, die hysterisch ist, weil sie etwas entgegentreten soll, das sie so lange ignorieren, bis es sie umbringt - was höchstwahrscheinlich geschehen wird. Habe ich etwas vergessen?"
Und ich habe gedacht, Severus wäre schnippisch.
"Severus", schnaubt der Hut, sein Versprechen, dass er auf nicht ausgesprochene Fragen nicht antworten würde, munter ignorierend. "Wenn Sie halb so alt sind wie ich, dann können sie sich darüber beschweren, dass jemand schnippisch zu Ihnen ist."
"Und das bringt mich darauf, worüber ich eigentlich mit Ihnen sprechen wollte. Ich bin sicher, dass Sie sagen können, dass ich in letzter Zeit Rücksicht auf Harry und Severus genommen habe."
"Ja, das habe ich gesehen." Die Stimme des Hutes ist nun ruhiger und weniger sarkastisch. "Ich nehme an, Sie wollen über die Komplexibilität der Sache reden?"
"Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Wie Iris sagte, haben Sie große Erfahrungen mit Zauberern und ihren Problemen."
"Oh ja", jetzt klingt die Stimme des Hutes sanft, "das habe ich." Plötzlich werden meine Gedanken mit Bildern gefüllt - Gesichter und Stimmen, Namen und Gedanken -
eine junge Frau gekleidet in Kleidung des zwölften Jahrhunderts, ihre Gedanken sind erfüllt von Besorgnis...
ein blonder Junge in der kurzgeschnittenen Version viktorianischer Kleidung, der versucht mutig zu erschienen, obwohl er innerlich zittert...
ein dunkelhaariges Mädchen, gehüllt in ein Kleid der Königin Anne Ära, ihr Gesicht ist leer, während ein Traum der Macht ihre Einbildungskraft krönt...
ein Junge in Kavalierskleidung, seine kalten logischen Gedanken beschäftigen sich mit einer neuen Theorie der Magie, die er aus seinen geliebten Büchern hat...

Bilder, Gedanken, Gesichter...
Und hinter all dem steht tiefe, bittere, unsagbare Traurigkeit. Verlust - Verluste und Trennungen sind über die Jahrhunderte hinweg einfach zu groß geworden. Der Hut erinnert sich an sie und zählt sie, alle.
Fort, alle sind fort.
"Willkommen in meiner Welt", sagt der Hut ohne die geringste Spur Sarkasmus. Mein Mund fühlt sich trocken wie eine Wüste an.
"Doch nun zu Ihren Problemen, Direktor." Die Stimme des Hutes ist forsch. "Wie würden Sie diese zusammenfassen?"
"Sollen wir alles Schritt für Schritt durchgehen?" Ich spüre ein Gefühl der Angst in meinem Magen. Das, was ich jetzt am wenigsten machen möchte, ist, diese Momente alle noch mal zu durchleben.
"Nicht nötig. Ihre Erinnerungen sind lebhaft. Ich möchte nur wissen, was Sie glauben, was die Quelle Ihrer Probleme ist."
"Ich", mein Mund ist jetzt definitiv trocken und klebrig, "ich verstehe nicht..."
Wen verstehe ich nicht? Harry? Snape?
"Ich verstehe meine eigenen Gefühle nicht."
"Exzellent." Der Hut schient zu kichern. "Es braucht eine erkenntnisreiche Person, um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen. Nun, ist es ein Trost für Sie, wenn ich Ihnen sage, dass niemand deren Gefühle versteht, nicht wirklich. In all meinen tausend Jahren habe ich nie jemanden getroffen, der wirklich versteht, weshalb sie so fühlen, wie sie es tun."
Das überrascht mich. Sicher, ich weiß, dass viele Leute, wie der arme Severus, eine simple Sicht der Gefühle haben. Doch ich hatte gedacht, dass man dieses erklären könnte.
"Oh, Erklärungen sind schon möglich", sagt der Hut, wieder unsere Übereinkunft ignorierend, "doch wirkliches Verstehen kaum. Ich nehme an, Sie möchten wissen, warum Sie sich nicht schuldig fühlen, weil Sie Severus verletzt haben? Oder zumindest nicht schuldiger?"
"Ja."
"Zuallererst fühlen Sie sich schon irgendwie schuldig, denn sonst würden Sie sich diese Frage nicht stellen." Die Stimme des Hutes hört sich an, als sei er tief in Gedanken versunken. "Zweitens... habe ich Ihnen je eine aktuelle Sortierung gezeigt?"
"Nein, haben Sie nicht."
"Hmmm. Ich habe so eine allen Direktoren zu Beginn ihrer Arbeit gezeigt und befunden, dass es nicht sehr gut funktioniert. Nun, vielleicht in diesem Fall... ja. Schließen Sie Ihre und durchlaufen Sie eine elementare Okklumentikübung, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Es wird einfacher sein, wenn ich nicht unwichtige Bruchstücke durchlaufen muss."
//Wie mich, zum Beispiel.//
"Und zum letzten Mal", sagt der Hut immer noch verärgert klingend, "würden Sie jetzt aufhören."
Wie der Hut annimmt, habe ich eben schnell meine Gedanken geleert. Ich frage mich, ob dies den Hut am Funktionieren hindern wird, doch lasse ich diese Frage mit dem Rest meiner Gedanken verschwinden. Ich bin neugierig, was dies alles mit meiner Frage zu tun hat. Doch da ich selbst den Menschen ebenfalls mysteriöse Antworten zu ihrem eigenen Wohl gebe, bin ich wohl kaum in der Lage zu protestieren.
"Nun", die Stimme des Hutes ist klar - soviel dazu, ob die Okklumentik ein Problem darstellt. "Öffnen Sie Ihre Gedanken in diese Richtung." Ich lasse meine Gedanken diesen "Pfad" entlang wandern, auf den mich der Hut hingewiesen hat. Ich spüre dort etwas... eine Melodie. "Sehr gut, jetzt konzentrieren Sie sich darauf."
Das tue ich und es wird deutlicher. Es ist ein besaitetes Instrument, eine Gitarre, sanfte Töne von sich gebend, ruhige Töne, als würde jemand geistesabwesend spielen.
"Das", sagt der Hut, "ist unser neuer Zauberlehrling. Wohin tun wir ihn?"
Eine Melodie? Wie faszinierend.
"Es ist nicht wirklich eine Melodie. Meine eigenen sind nicht wie die Ihren. Doch ihr Verstand verwandelt es in eine Melodie - mit ein wenig Hilfe von mir." Der Hut klingt jetzt amüsiert. "Ich finde, diese Melodie hilft mir sehr dabei, mit ihrem Verstand zu kommunizieren. Das ist es, was mir immer die Ideen für den Willkommenssong gibt."
Ich kann sehen wie.
"Wissen Sie, wo ich ihn einordnen soll?", fragt mich der Hut erneut.
"Nein", gebe ich zu, völlig verloren in diesem Meer der sehr bekannten und doch neuartigen Tradition.
"Ich auch nicht. Sie sehen also, dass das Einordnen kein Prozess der Analyse ist, keine Berechnung der Menschen und kein Vergleichen mit Tabellen. Ich nehme an, das ist es, was Sie bisher gedacht haben."
"Ich nehme an, so war es, ja."
"Genauso, wie Sie selbst bemerkt haben, dass der Verwandlungslehrer in Ihnen hervorkommt." Der Hut seufzt. "Nicht zu erwähnen, der alte manipulierende Kauz."
"Ich mag es nicht...", beginne ich zu protestieren.
"Ich weiß, dass Sie es nicht MÖGEN Menschen zu manipulieren. Doch sie tun es schon so lange, dass Sie jeden und jedes Problem ansprechen, als wenn es nur gilt, am richtigen Strang zu ziehen oder den richtigen Knopf zu drücken." Der Hut klingt sehr traurig. "Dies ist die große Versuchung der Macht - und der Weisheit. Die Ironie daran ist, dass es Macht zu Schwäche und Weisheit zu Dummheit macht."
Dafür hatte ich in den letzten paar Monaten hinreichende Demonstrationen.
"Doch die Sache ist - und Sie, Albus, tendieren dazu, dies zu vergessen - Menschen sind weder Puppen, noch Marionetten, noch Maschinen. Sie bestehen aus einer Balance von feiner und intensiver Komplexität. Wenn Sie ein Element verändern, verschieben und bewegen sich auch die anderen. Ein Transfigurator nähert sich einem Objekt mit der Absicht, seine Form zu verändern. Er denkt, dass jeder einzelne geometrische Aspekt in einer disziplinierten Prozedur bearbeitet werden muss, um dann ein Ganzes zu schaffen - ja ich habe von den Prinzipien der Synergie gehört - welches dann im Endeffekt als ein separates Wesen existiert. Ich weiß, dass es bei lebenden Dingen nicht so ist."
Das wirft viele Fragen auf, von denen die meisten so schmerzhaft sind, dass ich sie gar nicht aussprechen möchte.
"Also, wie wählst du sie aus?", frage ich täuschend leicht.
"Und nun versucht der Mann, einen Hut zu manipulieren!" Das Lachen in meinem Kopf klingt echt, spöttisch und so grausam, wie es Tom immer äußert.
"Oh nein." Das Lachen des Hutes hört auf, als wäre es von einem Messer durchgeschnitten worden. "Vergleichen Sie mich nicht mit dem jungen Mr Riddle. Ich habe keinen Gefallen am Schmerz, Albus. Doch ich bin auch nicht im geringsten sentimental."
"Wie auch immer", fährt der Hut fort, "ich werde Ihre Frage beantworten. Um einzusortieren benötigen wir einige Standards des Vergleichens. Und jene, welche ich benutze, sind entsprechend dem, wie die Häuser anscheinend modelliert sind."
"Die Gründer", sage ich.
"Ja, die Gründer. Wer noch? Lassen Sie sie uns anhören." Die Stimme des Hutes ändert sich, wird volltönend und energisch, wie die Stimme eines mittelalterlichen Verkünders.
"HELGA." Plötzlich ist es eine Melodie mit trillernden Noten, wie von einer Flöte. Die Noten sind sanft und fließend, jede schient perfekt mit der nächsten zusammen zu passen, als würde jemand versuchen ein klingendes Abbild eines seichten Hanges oder eines fließenden Flusses zu produzieren.
"GODRIC." Natürlich Hörner. Sie spielen stark, eine herausfordernde Melodie mit strahlender Harmonie - und ein störender dunkler Unterton.
"ROWENA." Dieses Mal ist es eine Violine. Dessen Ton ist ein unglaublicher Komplex voll anmutiger Noten, die wie Fragezeichen klingen. Periodisch wird eine der anmutigen Noten zu der Basis eines Riffs von überraschender Unvermitteltheit und Entwicklung - ein Riff, der zusammenbricht um ein neuer Part des Themas zu werden und ein Grund für noch mehr fragende Noten.
"SALAZAR." Ein Piano, was ich nicht erwartet hätte. Das Instrument spielt einen komplizierten Song, plötzlich schlenkert es, und aus der einzelnen Note wird eine völlig neue Melodie. Dann ein scheinbar unschuldiges Signal, welches eine weitere Wendung hervorruft. Und so kreist das Lied, oder wird vielleicht auch zu einer Spirale, in schwindelerregender Geschwindigkeit imitiert es das sich Winden einer Schlange.
"Und nun", spricht der Hut weiter, "wohin schicken wir unser Kleines? Lassen Sie uns noch mal anhören, wie es klingt."
Und schon bekomme ich eine starke Idee, fast eine Vision, wie der Hut hervor reicht und klimpert. Das Instrument des neuen Schülers zeigt eine mutige, laute und bewegende Melodie.
"Was denken Sie?", erkundigt sich der Hut.
Ich konzentriere mich. Die Noten und Muster klingen an manchen Punkten verführerisch bekannt, doch sie scheinen zu keiner der vier Gründer zu passen.
"Sorgen Sie sich nicht", sagt der Hut. "So schaffen wir es kaum. Lassen Sie uns unseren Zauberlehrling übersetzen." Plötzlich wird die Melodie von einer Flöte gespielt.
Ich entspanne mich, verstehe jetzt, was wir tun werden. Ich vergleiche die Flötenmusik mit der, die Helga präsentiert und somit auch Hufflepuff.
"Nein."
Ich bin mir sicher. Der Sound hat nichts von der Gelassenheit und dem Vertrauen von Helgas Melodie.
"Ich stimme zu", meint der Hut. "Vielleicht Ravenclaw?"
Das ist schwerer. Sicher, die Musik ist komplex genug, aber ihre grazilen Noten sind zu zufällig, zu abgeleitet, zuwenig ein vollkommener Teil der Melodie. Ich schüttele meinen Kopf.
"Ich stimme zu. Lassen Sie uns Gryffindor versuchen."
Das passt viel besser. Die Vibrationen des Studenten passen zu dem von Gryffindor, genau wie - und das überrascht mich - der dunkle Unterton. Doch immer noch scheint das Lied zu bewegend, zu wirbelnd und zu drehend.
"Ich bin nicht sicher", gebe ich zu.
"Ich auch nicht. Slytherin." Der Song dreht und bewegt sich, doch seine Stärke scheint nicht da zu sein.
Der Hut erlaubt es, zwischen Salazars Piano und Godrics Horn einen Moment lang vor und zurück zu schalten. Schließlich sagt er: "Mir scheint es so, als würde Salazar besser passen. Was sagen Sie?"
"Stimmt."
Ich höre, wie aus großer Distanz, wie der Hut ruft: "Slytherin!"
"Jetzt", sagt der Hut, "lassen Sie uns noch einen probieren."
Der neue Sound ist ebenfalls von einer Gitarre, aber komplexer als der erste, reicher und variabler, jedoch besitzt er eine stärkere Basislinie.
Hufflepuff wird schnell ausgeschlossen. Wir verweilen kurz bei Ravenclaw, doch bestimmen wir, dass die Melodie wieder nicht Rowenas Muster besitzt. Und so landen wir wieder bei Slytherin und Gryffindor. Und wieder schwanken wir zwischen ihnen.
"Die Melodie ist sicherlich komplex genug für Slytherin", sage ich.
"Ja", antwortet der Hut, "doch sie ist auch stark und direkt. Lassen Sie uns noch besser hinhören."
Ich konzentriere mich voll auf die Musik. Die Melodie scheint sich zu zerlegen, wird simpler und stärker - aufdringlicher.
"Definitiv Gryffindor", sage ich zuletzt.
"So ist es." Aus weiter Ferne höre ich "Gryffindor!"
"Also, was sagt Ihnen das?", fragt der Hut.
"Ich nehme an, Sie versuchen mir zu sagen, dass Menschen sehr komplex sind, dass es keine gleichen gibt, dass sie einzigartig sind?"
Dies scheint die offensichtliche Lektion zu sein.
"Ja, unter anderem. Haben Sie die beiden Schüler erkannt?"
"Hätte ich das sollen?", frage ich. Plötzlich bin ich misstrauisch.
"Nicht wirklich. Doch ich werde Ihnen sagen, dass der erste Severus Snape war und der zweite Harry Potter."
Severus und Harry! Wie bemerkenswert! Wie ....
"Wie ähnlich?", endet der Hut. "Ja, in der Tat. Bei manchen Dingen erinnert mich Harry mehr an Salazar als an Godric. Bei manchen Dingen erinnert mich Severus eher an Gryffindor als an Slytherin. Doch ich behaupte immer noch, sie richtig eingeordnet zu habe, - besonders, seit Potter hartnäckig war."
Das war also die Klarstellung in der Melodie! Es war Harrys Hartnäckigkeit, die ihn nicht zu einem Slytherin werden ließ!
"Und was ist hier die Lektion?", frage ich.
"Dass die beiden sich mehr ähneln, als Sie denken. Und dass sie verschiedener sind, als Sie denken."
"Das ist nicht sehr klar", sage ich, "doch ich denke nicht, dass ich in der Position bin, dies zu erklären."
"Sind Sie nicht." Der Hut klingt ernst. "Nebenbei, Personen sind oft verwirrend und unklar."
"Und ich muss lernen, dies zu akzeptieren?"
"Besser, als Sie es jetzt tun. Sie müssen auch akzeptieren, dass Menschen oft unkontrollierbar sind. Es hat mich sehr überrascht, als Harry so hartnäckig darauf bestand, nicht nach Slytherin zu gehen. Ich war gerade dabei, ihn dort einzusortieren, als die Melodie klarer wurde."
Ich nicke. Zu lernen die chaotische Natur der Menschen zu akzeptieren, wird nicht leicht für mich werden. Vielleicht habe ich deswegen an so einen guten Leiter gedacht - mein Schwerpunkt ist es immer, die Ordnung im Sog aufrechtzuerhalten.
"Wenn es nicht wirklich eine Melodie ist", frage ich aus plötzlicher Neugierde, "was ist es dann?"
"Nun", zum ersten Mal klingt der Hut zögernd, "der Sinn, den ich besitze, ist dem menschlichen Geschmackssinn am nächsten. Ich erwähne es nicht oft. Es verstört die Menschen meist."
Ich sehe auch warum. Ich frage mich, wie die Schüler reagieren würden, wenn sie herausfänden, dass der Hut sie kostet.
"Glauben Sie, ich könnte..."
"Nein." Der Hut ist ernst.
"Ich will nur..."
"Nein", sagt er, "ich werde Ihnen keine Demonstration geben, was für Geschmäcker das sind. Ich habe es nur einmal getan."
"Was ist passiert?"
"Der arme Mann konnte Essen für einen Monat nicht einmal ansehen."
Das klingt nicht ansprechend. Plötzlich muss ich an etwas anderes denken. "Das muss eine langsame Version der Einsortierung gewesen sein."
"Oh nein", sagt der Hut leicht, "die Präsentation war so lange wie der wahre Prozess."
"Aber", ich bin sicherlich nicht so alt, "Harrys Einsortierung hat mit Sicherheit nicht so lange gedauert!"
"Für Sie nicht", antwortet er kichernd, "doch was bringt Sie dazu, zu denken, dass ein Hut die Zeit auf die gleiche Art wahrnimmt wie ein Mensch?"
Zum ersten Mal habe ich eine wirkliche Vorstellung davon, wie anders, wie fremd das gesamte Etwas auf meinem Kopf wirklich ist.
"Danke", sagt der Hut leichthin. "Nun zum Letzten."
"Da ist noch mehr?"
"Ja." Er macht eine Pause, fährt dann langsam fort: "Eine meiner Hauptregeln ist es, dass ich Menschen nie ihre eigene Einordnung zeige. Über die Jahre hinweg habe ich herausgefunden, dass dies mehr Probleme bereitet als löst. In Ihrem Fall bin ich versucht, eine Ausnahme zu machen."
"Warum sollten Sie das tun?", frage ich neugierig.
"Weil Sie nicht nur lernen müssen, die Komplexität von Severus und Harry zu akzeptieren, sondern auch ihre eigene."
Ich bin lange Zeit still.
"Kennen Sie das Gefühl, dass Sie hatten, als das Monster erwachte?", fragte der Hut.
"Ja", sage ich langsam.
"Das, Direktor, war Liebe."
Ich bin verblüfft. "Wie kann das sein?"
"Es kann sein", sagt der Hut traurig, "weil Sie wenig von Liebe verstehen, trotz all Ihrer Reden vor Harry. Ihre kleine Riddle-Stimme hat Recht."
Ich atme tief durch und öffne meinen Mund, um zu sprechen, doch mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte.
"Sie sind wie die Ministeriumszauberer. Tief in ihrem Herzen denken Sie, Liebe ist eine Kraft, eine Energie, etwas, das man einsperren, abmessen und erforschen kann." Der Hut seufzt. "Das ist sie nicht. Sie lebt. Etwas, mit Bedürfnissen, Notwendigkeiten und Wünschen. Sie ist eine Sache, die sich bewegt, die wächst, die kämpft."
"Und weshalb wirkt es sich auf Harry, Severus und mich aus?"
"Weil ihre Beziehung zu Ihnen fest mit der Frage der Liebe verbunden ist. Wen Sie lieben und wie. Sie haben Angst, sich diese Frage zu stellen, Albus. Sie haben einmal von Harry gedacht, er trüge eine Mauer um sein Herz. Sie haben gedacht, Severus würde keine wahren Emotionen verstehen. Fast dasselbe könnte man über Sie sagen."
"Warum?" Ich bin nicht sicher, ob ich vor Entsetzen, Wut oder Angst schreie.
"Weil Sie so lange Masken getragen haben, dass Sie Ihr wahres Gesicht vergessen haben. Weil Sie Ihr Herz solange unterdrückt haben, dass Sie es nicht mehr hören. Deshalb erweckte Ihre Liebe ein Monster. Das ist der einzige Weg, wie sie aus dem Gefängnis, welches Sie ihr geschaffen haben, ausbrechen kann." Plötzlich klingt der Hut alt, sehr, sehr alt.
"Und was muss ich tun?", frage ich sanft, argwöhnend, dass ich die Antwort schon kenne.
"Sie müssen die Mauern um Ihr Herz einreißen. Nur wenn Ihre eigene Liebe frei ist, kann sie andere bedienen. Wenn Sie Ihrer Liebe ins Gesicht gesehen und sie verstanden haben, können Sie Harry helfen, dasselbe mit seiner zu tun. Es wird schwer. Er ist sehr verletzt, Albus, und wenn seine Liebe blüht, wird es sein Schmerz ebenfalls tun. Doch es muss sein. Er muss den Schmerz herauslassen, damit seine Lieb wachsen kann. Er ist erfüllt von Liebe, doch sie wurde von Angst, Kummer und Qualen begraben. Sie müssen diese Absperrungen zerschneiden, egal wie weh es tut. Nur dann hat Harry die Chance, das Glück zu finden, das Sie sich so verzweifelt für ihn wünschen."
"Und Severus?", frage ich mit einem Knoten im Hals.
"Das meiste der Liebe in Severus wurde vor langer Zeit vergiftet." Die Stimme klingt so traurig, als würde sie das Ende eines gesamten Kosmos verkünden, ich nehme an, es ist auch so. "Aber es sind Wurzeln zurück geblieben. Vielleicht können sie noch einmal erblühen. Doch auch er muss seine und Ihre Liebe verstehen lernen. Und das wird ebenfalls schmerzhaft, da Ihre Liebe nicht das sein wird, was er will, dass sie es ist, nicht will, dass er das wird, was er will."
Ich möchte schreien. Ich habe es geahnt, wollte es mir aber nicht eingestehen.
"Also, wie mache ich das?", frage ich sanft.
"Da bin ich keine Hilfe", sagt er. "Ich bin letztendlich doch kein Mensch. Ich kann Ihnen das Ziel zeigen. Um Hilfe für den Weg zu finden, müssen Sie sich an Ihre Art wenden."
Ich versuche zu sprechen, doch mein Atem hindert mich und ich sitze still da.
"Und nun, Albus", plötzlich ist die Stimme des Hutes nach einem kurzen Moment der Stille strahlend, "wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne an meinem Willkommenslied weiterarbeiten!"
"Ja, alter Freund", sage ich, "tun Sie das." Ich erhebe mich und lege ihn auf seinen angestammten Platz auf dem Schrank. "Und dieses Mal tun wir gut daran, Ihnen zuzuhören."
Nach meiner Unterhaltung mit dem Hut fühle ich mich leer und trocken. Ich sitze hinter meinem Tisch und versuche an nichts zu denken. Fawkes, der sich jetzt fast vollständig erholt hat, sitzt auf meinen Knien und singt sanft.
Liebe. Ich habe immer über sie geschwatzt. Und nun sagt mir der Hut, ich wisse nicht, worüber ich rede.
Ja, doch er ist ein tausend Jahre alter Hut.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Der Ton einer gedämpften Glocke erklingt aus der unteren Schublade meines Schreibtisches. Fawkes schreit überrascht und ich greife automatisch nach meinem Stab.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Es ist eine Mischung aus einer Glocke und einem Summen.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Die Tür hinter meinem Schreibtisch geht auf und Iris streckt ihren Kopf raus.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
"Wird Master Albus antworten?", fragt sie lächelnd.
Was geht hier vor?
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Ich öffne langsam die Schublade.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
In ihr liegt ein kleines silberne Objekt mit einem grün blinkenden Licht. Offensichtlich eines von Iris speziellen Muggelapparaten. RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Ich hebe es langsam auf. Eine Klappe geht auf und legt eine Tastatur frei.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Es ist ein Muggeltelefon.
"Drücken Sie den 'Antwort' Knopf Master Albus", sagt Iris.
RIIIIIIIIIIIIIINGGGGGGGG!
Ich drücke den Knopf und presse das Telefon ans Ohr.
"HALLO ALBUS! ICH BIN ES, PROFESSOR MCGONAGALL!"
Ich zucke zusammen, als Minerva mir ins Ohr brüllt. Im Hintergrund höre ich eine Stimme, die etwas zu ihr sagt.
"Oh, alles okay, Albus?", sagt sie leiser, wenn auch immer noch unnötig laut.
"Ja, Minerva, alles okay." Ich lege das Telefon an mein linkes Ohr und versuche das Piepsen aus meinem rechten zu vertreiben.
"Gut, ich war nicht sicher, ob es funktionieren würde." Minerva klingt absurd selbstzufrieden.
"Ja. Wir nutzen ein... ein....."
"Es nennt sich Handy, Master Albus", wirft Iris ein.
"Ein Handy?", ende ich.
"Iris hat es mir neben Harrys Feuerblitz mitgegeben. Sie hat mir gesagt, ich soll diese Nummer wählen, nachdem ich mit Harry gesprochen habe."
"Sehr gut. Könnten Sie kurz warten?" Ich nehme das Telefon von meinem Ohr und sehe Iris fragend an.
"Iris hat gedacht, seit Master Albus sich um Harry sorgt, wäre dies eine gute Idee. Master Albus behält das eine Telefon und Harry Potter das andere. So können Sie miteinander sprechen ohne Eulen zu benutzen."
"Ohne Eulen?", wiederhole ich ein wenig erstaunt.
"Ja. Iris denkt, dass Master Albus sich immer Sorgen macht, wenn er auf eine Eule wartet, weil er Angst hat, der böse Tom Riddle könnte sie abfangen. Der Muggelweg ist schneller und Iris wettet, dass niemand, der für den bösen Tom arbeitet, weiß, wie man ein Telefon abfängt."
Jetzt, wo ich darüber nachdenke, stimme ich dem zu.
"Also behalte ich ein Telefon", sage ich langsam.
"Und Harry Potter wird das andere haben. Wenn Master Albus mit Harry Potter sprechen möchte, muss er nur wählen. Wenn Harry Master Albus braucht, wählt er auch nur. Master Albus wird seines geladen halten müssen, doch Iris hat dafür gesorgt, indem sie Teile der hübschen Sachen benutzt hat, die Harry Potter zerbrochen hat."
Ich sehe die Vorteile. Keine Sorgen mehr, ob die Dursleys die Eule auch durchlassen. Und Hermine Granger kann auf Harry aufpassen, ohne sich seinen hasserfüllten Bewachern stellen zu müssen.
"Iris wollte ebenfalls Telefone für Professor Remus und Harry Potters Weasley holen, doch ich habe nur diese zwei." Sie zuckt die Schultern. "Ich kann noch mehr von den Muggeln besorgen, wenn Sie möchten."
Ja, ein exzellenter Vorschlag. Doch im Moment reicht es, wenn wir zwei haben. Wenn so ein Ding in Arthur Weasleys Hände fallen würden, wäre er zu neugierig darauf, um sich um die Belange des Ordens zu kümmern.
"Lassen Sie mich mir Harry sprechen, Minerva", sage ich, als ich den Hörer wieder an mein Ohr halte.
"Nur eine Minute Albus." Im Hintergrund höre ich die Geräusche eines kleinen Streites.
"Hallo?" Die Stimme gehört definitiv Harry, doch sie ist so müde, dass es mir ins Herz sticht.
"Ja Harry, ich bin´s Albus Dumbledore."
"Hallo Professor." Seine Stimme ist flach und emotionslos, als würde er von einem Pergament ablesen.
"Wie geht´s dir Harry?"
"OK." Ich höre einen weiteren kleinen Streit im Hintergrund. Offensichtlich sieht Minerva dies anders. "Ich schlafe nicht gut", sagt Harry dann.
Im Hintergrund höre ich Minerva etwas sagen, dass mit "überhaupt!" endet.
"Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen, Harry?", frage ich sanft.
"Nein Professor." Vielleicht rezitiert er Antworten vom Tränketisch.
"Sollen wir dir einen Trank für traumlose Schläfe schicken?"
"Nein Professor. Ich bin OK." Das scheint gelogen.
"Behandeln die Dursleys dich gut?"
"Alles okay." Ich kann das Achselzucken fast sehen. Alles okay bedeutet, sie haben ihn nicht in den Schrank geschlossen.
"Willst du.... willst du über Sirius reden, Harry? Mit mir oder Professor McGonagall?"
"Nein Professor. Ich bin OK." Hört er mir überhaupt zu?
"Soll Remus zu dir kommen? Oder sonst wer?" Bitte sag mir, es gibt jemanden.
"Nein. Ich...." Er bricht ab. Ich höre ein Schniefen am anderen Ende der Leitung. Er will weinen, doch unterdrückt es. Ich denke, mein Herz müsste vor Schmerz zerspringen.
"Gibt es jemanden Harry?", dränge ich.
"Ich...nein, es ist okay."
"NEIN Harry. Gibt es jemanden?" Ich umklammere das Telefon und löse meine Griff etwas. Ich weiß nicht, wie zerbrechlich diese Dinger sind.
"Ich will niemandem zur Last fallen", sagt er sanft.
Ich schließe die Augen und höre ein Schnauben des Protestes von Minerva.
"Du fällst niemanden zur Last, Harry", sage ich so gelassen ich kann. "Wir sind deine Freunde."
"Und Sie können den Junge der lebt am Ende nicht alleine lassen, oder?" Seine Stimme ist bitter und ich muss schlucken.
Noch ein Schnauben von Minerva. Ich kann fast die Hitze am Telefon fühlen.
"Nein", sage ich, "wir können <>Harry nicht in seinem Schmerz allein lassen."
//Wo waren Sie denn, als er im Schrank war?//
Sei leise Tom! Ich kann dich jetzt nicht gebrauchen!
"Wen willst du sehen, Harry?", frage ich wieder. "Es ist kein Problem."
"Ich....", mehr schniefen, "ich könnte vielleicht mit..." Seine Stimme ebbt ab.
"Ja, Harry?" Ich habe mit Vampiren gekämpft und das war leichter als dies.
Ein gedämpftes Geräusch.
"Ja Harry?" Ich hebe meine Stimme etwas und versuche, nicht zu schnappen.
"Mrs. Weasley", sagt er weich.
Molly, natürlich. Das, was am ehesten einer Mutter entspricht.
Ich höre befürwortende Geräusche von Minerva am anderen Ende.
"Natürlich Harry. Wir schicken Molly eine Eule, damit sie sobald sie kann herkommt."
"Sagen Sie ihr, sie soll sich keine Mühen machen." Seine Stimme sagt mir, dass er sich nicht als so wertvoll ansieht, dass er irgendwelche Mühen verursachen sollte.
"Du wirst für sie keine Mühe sein Harry." Ich bin mir sicher. Molly liebt ihn wie ihren eigenen Sohn.
"Nun, gibt es noch etwas?" Dumme Frage, doch ich möchte ihn am Telefon halten.
"Nein."
"Wir holen dich bald da raus, Harry."
"Das haben Sie letzten Sommer auch gesagt." Die Bitterkeit ist wieder da.
Was soll ich sagen? Er hat Recht.
"Ich verspreche es, Harry." Ich warte auf eine Antwort, doch es kommt keine.
"Behalte das Telefon immer bei dir Harry."
"OK." Seine Stimme ist flach und sanft.
"Ich mein es Ernst, Harry. Wenn wir versuchen, dich anzurufen und niemand geht ran, kommt jemand vorbei."
"OK."
Ich könnte ihn schütteln, umarmen und wegen ihm heulen. Alles zugleich.
"Sag Minerva, dass ich auf sie warte. Sie kann direkt zu meinem Büro reisen.."
"Mach ich. Auf Wiedersehen Professor."
"Auf Wiedersehen Harry."
Ich setze mich, lege das Telefon vorsichtig in meine Tasche und den Kopf in die Hände. Ich würde lieber dreimal mit Severus konfrontiert werden, als dies noch mal durchzumachen.
//Geben Sie es zu, Sie sind enttäuscht, weil er Molly und nicht Sie sprechen will.//
Ich bin zu müde, um jetzt zu spielen Tom.
//Sorgen Sie sich nicht, er wird früh genug zu Ihnen kommen. Das schwarze Hündchen ist weg, der Werwolf kurz vorm Zusammenbrechen und Arthur hat bereits sechs Söhne. Schon bald wird der so geschätzte Harry kommen und am Kopf gestreichelt werden wollen..//
Ich will nicht, dass er verletzt wird.
//Zu spät.//
Ein Tosen kündigt Minervas Ankunft an. Sie kommt zu meinem Tisch, hält sich gerade und marschiert wie ein Soldat. Zum Ende hin muss es schlimmer geworden sein.
"Es geht ihm nicht gut Albus. Er hat nicht geschlafen." Ihre Lippen pressen sich zu einer festen, schmalen Linie zusammen.
"Ich weiß. Vielleicht kann Molly helfen." Ich bedeute ihr, sich zu setzen.
"Ich hoffe es. Seine Frage nach ihr hat mich ermutigt." Sie schüttelt den Kopf. "Er starrt nur Löcher in die Luft, Albus. Ich weiß, dass er in seinen Gedanken verloren ist."
Ja. Und ich weiß wo. Im Raum mit dem Schleier. Oder in diesem Büro, als ich ihm sagte, er würde entweder töten oder getötet werden.
"Was ist mit den Dursleys?" Ich habe Angst zu fragen.
"Ignorieren ihn", sagt sie bitter.
"Nun, vielleicht ist das ein Fortschritt."
"Albus..."
"Ich weiß." Ich hebe meine Hände, um sie zu stoppen. "Wir müssen ihn da raus holen. Lassen Sie uns Molly kontaktieren. Iris..."
"Iris schreibt schon die Nachricht, Master Albus." Sie endet mit einer schwungvollen Bewegung und gibt mir den Zettel zum Unterschreiben.
"Wunderbar!" Ich unterschreibe und gebe ihn zurück. "Bitte sorg dafür, dass der Zettel sofort weggeht."
"Iris macht das, Master Albus." Sie verneigt sich vor Minerva und Fawkes und macht sich dann mit Hauselfengeschwindigkeit auf.
"Mal sehen", sage ich sanft, einige Pergamente hervorziehend und Berechnungen aufschreibend. "Ich wollte ihn Mitte des Monats da raus holen. Das macht es knapp für die Anforderung der Magie, die ihn beschützt, aber vielleicht..." Es ist eine schwierige Angelegenheit. Die alte Magie, von der wir sprechen, ist chaotisch und kaum erforscht.
Sie basiert auf der Liebe.
Schließlich werfe ich die Feder zischend nieder. Minerva hüpft ein wenig und sieht mich überrascht an.
"Es tut mir Leid", sage ich, "ich hasse es nur, Harrys Chancen so aufzunehmen."
"Ich weiß, Albus", sagt sie leise, "doch wir müssen ihn da raus holen!"
"Dem stimme ich zu." Ich sehe ein letztes Mal auf die hingeschmierten Zeichen. "Neun Tage. Solange kann er dort höchstens noch leben, ohne die Magie zu unterbrechen." Ich seufze. "Und darüber bin ich mir nicht mal sicher."
Nach allem, was der Hut gesagt hat, habe ich wenig Ahnung von Liebe.
"Wir müssen ihn da raus holen!" Minervas Augen strahlen.
"Ja." Wieder seufze ich. "Wir werden ihn am Abend des achten Juli da raus holen. Das ist ein Montag."
"Gut", sagt Minerva, "und wenn Molly helfen kann, wird alles gut."
Oh, nichts wird gut. Doch es wird nicht katastrophal werden.
"Inzwischen werde ich mich an Miss Granger wenden", fährt Minerva fort. "Sie kann sich mit Hilfe des Muggelapparates um ihn kümmern, während Sie in Beauxbatons sind."
"Ja", sage ich, "und jeden dritten Tag soll ein Mitglied des Ordens ungesehen vorbeischauen. Bringen Sie Remus von dem ab, was er tut, egal, was es ist, und machen Sie Harry zu seiner Pflichtaufgabe. Diese Situation verlangt nach einem genauen Hinsehen."
Minerva nickt. "Ich hatte vorgehabt Remus um so etwas in der Art zu bitten. Oh, ich habe Harry wegen einer Andacht für Sirius gefragt, er schien etwas munterer zu werden."
"Gut, gut. Wollen wir sie am Morgen des vierzehnten halten?"
"Ich wünschte", Minerva schaut sauer, "ich wünschte, das Ministerium würde wegen Sirius´ Verurteilung nicht so stur sein. Es würde Harry helfen, wenn es eine öffentliche Zeremonie geben würde!"
"Ich weiß", sage ich, "aber Fudge ist gehässig und kleinlich. Er würde sogar Harry eins auswischen, wenn er könnte."
"Wir werden dafür sorgen, dass DAS nicht passiert!", schwört Minerva ernst.
Ich reibe mir die Stirn. Wenn ich die Reise nach Beauxbatons absagen könnte, würde ich es tun. Es geht alles viel zu schnell.
Es klopft am Fenster.
Minerva und ich sehen uns überrascht an. Es kann nicht sein, dass Molly schon geantwortet hat. Beide stehen wir auf und hasten zum Fenster.
Als wir den Botschaftenüberbringer sehen, keucht Minerva auf.
"Ist das...."
"Ist es", sage ich, plötzlich einen Hauch von Hoffnung spürend. Ich öffne das Fenster und nehme ein Päckchen an, das mir die Kreatur überreicht. Sie fliegt davon und Minerva steht am Fenster und starrte ihr nach, bis sie weg ist.
Ich eile zu meinem Schreibtisch und öffne die Box. In ihr befindet sich ein Objekt und ein Brief in einem ausgearbeiteten Umschlag. Ich reiße ihn auf und lese schnell den Brief.
"Stimmen Sie zu, Albus?", fragt Minerva besorgt.
"Soweit wir es in diesem Punkt hoffen können!"
Wir sehen uns an und lächeln.
"Ich hätte nie gedacht, dass sie das tun würden." Minerva schüttelt den Kopf.
"Sie werden Sie überraschen." Ich greife nach dem Päckchen und lege es vorsichtig zur Seite. Morgen früh werde ich es brauchen.
Wir sehen uns an, und zum ersten Mal seit langer Zeit, verfallen wir in echtes, herzhaftes Lachen.




 

Kapitel 5

Kapitel 7

 

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