Tortur

 

 

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Kapitel 25: Vor dem Sturm



Der Tränkemeister krümmte sich unter der rohen Gewalt, mit der die fremde Macht in seinem Geist wühlte, ihn zwang, Erinnerungen erneut zu durchleben, von denen er lieber gar nichts mehr wissen wollte. Snape zweifelte jetzt kaum noch an der Identität des Eindringlings, und eine jäh aufwallende, blinde Wut verschaffte ihm den Moment der Ablenkung, den er benötigte, um sich aus dem schmerzlichen Kokon verlorener Erinnerungen zu befreien.

"Protego!" schrie er aus Leibeskräften und zum Zeichen, daß er es ernst meinte und trotz seiner kläglichen Lage bereit war, zum Angriff überzugehen: "Legilimens."

Der Angreifer prallte an dem Schild, das der Zauber errichtet hatte, sichtlich überrascht ab, gab ihn frei, so daß nichts übrig blieb, als einem scheußlichen Lachen in Snapes Ohren und einem warnenden Ziehen im linken Unterarm.

Der Zaubertrankmeister preßte zitternde, eiskalte Hände gegen die Schläfen, schluckte an hämischem Brechreiz und stieß, als die Umrisse des Labors wieder klarer zu werden begannen, rauh hervor: "Das Experiment - vollendet? Wo ist Lupin?"

"Remus schläft", beruhigte MacGillivrays schottischer Akzent. "Jetzt kann ich mich ausschließlich um dich sorgen. - Vorhin war das schon schwieriger", fügte sie spöttelnd hinzu, um den Geschehnissen die Spitze zu nehmen.

Er sträubte sich nicht, als sie eine Decke über seine Knie breitete und sich dann, wie schon einmal, dicht hinter ihn stellte, so daß er sich gegen sie lehnen konnte.

"Laß mich erst erzählen", sagte sie trocken, "vorher gibst du ohnehin keine Ruhe."

Snape nickte dankbar; ihr Einfühlungsvermögen konnte sagenhaft sein, wenn sie es wollte. Den Kopf an sie gelehnt, verfolgte er aufmerksam ihren Bericht.
Demnach hatte Lupin zunächst Zeichen übersteigerter Selbstwahrnehmung gezeigt, die relativ rasch in eine lüsterne Klarheit übergegangen waren. Fragen nach Schmerzen oder Unwohlsein hatte er kategorisch verneint; im Gegenteil, er gab an, sich lange nicht mehr so wohlgefühlt zu haben und verlangte zu wissen, ob er unmittelbar vor der Transformation mehr von dem Trank bekommen könnte.
Dann allerdings war er urplötzlich schläfrig geworden und binnen weniger Minuten in einen totenähnlichen Schlaf gefallen, der immer noch andauerte.

Snape überflog ihre Notizen mit grimmigem Ernst - bis zu der Information über die Schlafneigung hatte sich alles durchaus vielversprechend angehört. Dieser Nebeneffekt gefiel ihm jedoch überhaupt nicht. Es schauderte ihn, wenn er daran dachte, wie Voldemort reagiert hätte, wäre so etwas in seiner Gegenwart geschehen.

Außerdem erschien dem Tränkemeister die Wirkdauer reichlich kurz - gerade einmal zwanzig Minuten, wenn man MacGillivrays Aufzeichnungen Glauben schenken konnte. Zu kurz; viel zu kurz, um die Befehle des Dunklen Lords entgegenzunehmen, geschweige denn, sie auszuführen.
Er schüttelte frustriert den Kopf, rieb sich die schmerzenden Augen.

"Nicht gerade zufriedenstellend", bemerkte er niedergeschlagen und kämpfte verbissen gegen eine nagende Angst, die sich partout nicht einschüchtern lassen wollte.

"Es könnte schlimmer sein", wiegelte MacGillivray tröstend ab, ließ eine Hand auf seiner Schulter verweilen und fragte leise: "Severus, was ist dir geschehen?"

Er schwieg minutenlang; offenbar lieferte sich der Teil von ihm, der bereit war, ihr von dem Vorfall zu erzählen, eine wilde Schlacht mit der weniger redseligen Hälfte.

"Jemand hat Legilimentik an mir angewandt - mit bemerkenswertem Erfolg", gestand er endlich widerstrebend und krampfte die eisigen Finger ineinander.
"Ich habe zuviel Zeit benötigt, um den Angriff abzuwehren."

"Dennoch warst du erfolgreich."

MacGillivray hütete sich, ihn näher auszufragen oder gar trostspendend in die Arme zu schließen. Sie verstärkte lediglich den Druck ihrer Hand auf seiner spitzen Schulter und verbarg die eigene Besorgnis mit jahrelang einstudierter Präzision.
Wenn es Voldemort - denn es bestand kein Zweifel daran, daß er allein der Angreifer gewesen war - gelang, ungehindert in den Geist des Tränkemeisters einzudringen, befand sich dieser, befanden sie sich alle in höchster Gefahr.

"Glaubst du, er weiß von deiner Doppelrolle?" entfuhr es ihr dramatischer, als sie es beabsichtigt hatte.

Snape schüttelte den Kopf. "Er hat einige Kindheitserinnerungen gesehen. Ich hatte… nicht den Eindruck, daß er gezielt etwas suchte."

"Sondern?" rief MacGillivray verständnislos.
Wieso, wenn nicht um einen Verdacht zu bestätigen, sollte der Dunkle Lord einen solchen Aufwand betreiben?

Snape raunzte unwillig. Besserwisserei und Voreiligkeit machten ihn rasend, und sich über ein solch delikates Thema erklären zu müssen, trug nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu heben.
Auf der Liege an der Wand schnarchte Remus Lupin leise. Catriona mußte sie erschaffen haben; er pflegte sein Labor nicht mit überflüssigen Schlafgelegenheiten zu verschandeln.

"Der… Dunkle Lord scheint sich bisweilen daran zu ergötzen, Untergebene in Angst und Schrecken zu versetzen, oder sie durch kleine mentale Angriffe zu verwirren", erklärte er mit schwer gebändigtem Unmut.
"Ich bin… eine ständige Herausforderung für ihn; bei mir ist es schwierig - war es schwierig", korrigierte er sich beschämt.
"Dennoch kann ich mit nahezu absoluter Sicherheit sagen, daß sich der Orden nicht in Gefahr befindet."

"Severus!" MacGillivray ließ ihn los, sprang mit einem eleganten Satz nach vorn, so daß sie ihn direkt ansehen konnte und rief erregt: "Und was ist mir dir?"

Er hielt ihrem rastlosen Blick mit einer ergebenen Seelenruhe stand, die sie nur noch mehr empörte.
"Ich bin selbstverständlich nicht mehr in Gefahr, als bei jedem anderen Treffen", ließ er sie wissen. "Aber machen wir uns nichts vor - wenn es mir nicht in Rekordzeit gelingt, diese Schlafneigung abmildern, könnte es tatsächlich etwas unangenehm für mich werden."

"Hinterlistig getarnte Lanzenotter!" fluchte MacGillivray, und der eloquente Kraftausdruck aus ihrem Munde wirkte gleichzeitig antiquiert und treffend. Snape konnte ein amüsiertes Zucken um die Lippen nicht verbergen.

"Tu nicht immer so überlegen! Die Märtyrerrolle steht dir nicht! Natürlich bist du in Gefahr. Warum erträgst du es nicht, daß sich jemand - daß ich mich um dich sorge?"

Er sah sie schweigend an, versank in ihren wundervollen Augen, die durch das zornige Blitzen nur noch mehr an Reiz gewannen.
"Weil es zu nichts führt", sagte er schließlich leise. "Ich erfülle eine Pflicht, und ob ich dabei in große, kleine oder gar keine Gefahr gerate, ist für das Resultat nicht von Belang. - Wenn du in Brasilien auf Expedition gehst, fragst du dich dann jedesmal, ob du zum Beispiel durch eine Lanzenotter gebissen werden könntest? - Natürlich nicht", nahm er ihre Antwort vorweg. "Weil es deine Aufgabe ist. Genauso ist es bei mir."

Unter seinem gelassenen, ernsten Blick schmolz ihre Wut wie Madam Rosmertas Roseneis an einem heißen Junisonntag.
Warum mußte er nur so unerträglich pragmatisch sein? Natürlich hatte er recht - wie schon so oft in letzter Zeit, überlegte sie verstimmt, aber, bei den silbernen Barthaaren des großen Merlin, bedeutete ihm denn ihre Anteilnahme überhaupt nichts? Genügte es als Motivation, als kraftspendendes Element, sich immer nur die "höhere Pflicht" vor Augen zu führen?

"Ich möchte, daß du weißt, daß es mindestens einen Menschen gibt, dem es leid täte, wenn dir etwas geschähe", zog sie sich in einem kläglichen Versuch, ihn nicht merken zu lassen wie nahe es ihr tatsächlich ginge, aus der Affäre.

Snape lächelte eines seiner seltenen, unverfälschten Lächeln, aber in seinen Worten klang schon wieder Spott mit, als er sagte: "Da bin ich aber beruhigt. - So, jetzt reicht es."
Er wirbelte völlig unerwartet herum, richtete seinen Zauberstab auf den tief schlafenden Remus Lupin und zischte ein gereiztes "Enervate!"

Der Werwolf regte sich stöhnend, schlug groggy noch immer blutunterlaufene Augen auf und hustete rauh.
"Wie fühlst du dich, Lupin?" herrschte Snape ihn an, und Catriona MacGillivray sah rasch in die andere Richtung, um das Grinsen, das sie überwältigte, vor seinen forschenden Augen zu verbergen.
Wie gut, daß der mürrische Tränkemeister üblicherweise nicht mit Patienten zutun hatte.

"Als hätte mir jemand einen experimentellen Trank verabreicht", entgegnete Lupin bissig. Er richtete sich mühsam auf und nahm überrascht zur Kenntnis, daß der Kopf kaum schmerzte.
Snapes verärgerter Ausdruck in dem bleichen Gesicht ermüdete ihn; er fuhr sich fahrig mit der Hand durch die aschblonden Haare und sagte: "Catriona hat doch alles notiert. Mehr kann ich dir auch nicht sagen."

MacGillivrays Kopf schoß herum; ihre blaugrünen Augen trafen sich sekundenlang mit den schwarzen des Tränkemeisters, dann riefen beide gleichzeitig: "Du erinnerst dich an all das?"

Lupin sah irritiert von einem zum anderen. Verloren sie jetzt gemeinschaftlich den Verstand?

"Natürlich erinnere ich mich", sagte er gereizt. "Es war ja wohl kein Vergessenstrank. Wenn diese Schläfrigkeit nicht wäre, würde morgen glatt um mehr bitten, aber so… ich überleg's mir noch."
Er schlurfte hinaus, ohne die beiden Tränkemeister noch eines Blickes zu würdigen.

"Hmm", MacGillivray putzte gewissenhaft ihre Brille. "Interessant."

"Immerhin scheint die bewußtseinsbewahrende Komponente nach Plan zu wirken", bemerkte Snape trocken. "Obwohl mir sein Verhalten erratisch erscheint."
Er schritt zu dem Kessel, in dem der Werwolftrank dunkelrot ruhte und rührte einmal um.
"Du weißt, was das bedeutet?"

"Kein Wunder", sagte MacGillivray achselzuckend, die noch bei Lupins Benehmen war. "Die Transformation steht kurz bevor. - Hm?"

"Wir brauen den Trank neu", sagte Snape kalt. Er hatte eine Flasche des Trankes abgefüllt und ließ den Rest mit einem ungeduldigen "Evanesco!" verschwinden.

"Ich empfehle Ephedra", sagte die Schottin leichthin.

Snapes Augenbraue kletterte in die Höhe. "Wozu?" fragte er eisig.

"Was meinst du, 'wozu'? Um die Schläfrigkeit zu mildern natürlich!" entrüstete sich MacGillivray.
Soviel Arroganz hatte man doch noch nicht erlebt.

Der Tränkemeister hob unbeeindruckt auch noch die zweite schwarze Braue.
"Für diese Antwort wärst du bei mir durchgefallen", sagte er kühl. "Bei Slughorn übrigens auch. Ich glaubte, einen anderen Eindruck von deinen Fähigkeiten gewonnen zu haben."

Er schnalzte geringschätzig mit der Zunge, ohne sich darum zu kümmern, daß er sie damit noch mehr gegen sich aufbrachte.

"Du bist doch wirklich der ungehobelteste, unverschämteste…", begann die Schottin, ihr feingeschnittenes Gesicht zornesrot, er aber unterbrach sie eisig: "Ephedra und Mutterkorn, Miß MacGillivray, führen in Kombination zu lebensgefährlichen Gefäßverengungen. Ich bin vielleicht als Giftmischer verschrieen, aber das wäre doch zu offensichtlich. - Wie jemand, der den Titel einer Meisterin führen möchte, so etwas vergessen kann, ist mir zwar schleierhaft, aber sei's drum."

Das hatte gesessen. MacGillivray klappte den Mund zu, schluckte getroffen und gab sich einen tiefen Atemzug Zeit, die herbe Kritik zu verdauen. Am meisten wurmte sie, daß er im Recht war, komplett korrekt sein Einwand.
Schamesröte färbte das Bordeaux des Zorns mehrere Töne dunkler. Warum hatte sie nicht erst nachgedacht und dann gesprochen? Wollte sie ihm immer noch beweisen, daß sie mindestens genauso gut war, wenn nicht sogar besser?
Nun, das war gründlich nach hinten losgegangen, und überhaupt… unverzeihlich, ein solcher Schnitzer, der sich im schlimmsten Falle zu einer Katastrophe hätte ausweiten können, wenn Snape nicht wachsam gewesen wäre.
Sie schämte sich bitter: über ihre eigene Unzulänglichkeit, über die Blamage und darüber, daß sie ihn in seinem miserablen Zustand noch das Denken für sie mit übernehmen ließ, nur weil… ja, weil sie nicht ganz bei der Sache gewesen war und ihn hatte beeindrucken wollen.

"Mein Fehler", gab sie zerknirscht zu. "Guaraná wäre weitaus besser geeignet."

Severus Snape nickte grimmig. Er hatte so böse nicht sein wollen; es war einfach über ihn gekommen; die natürliche Reaktion auf implizierte Inkompetenz.
Ungeachtet dessen geschah es ihr recht, daß sie sich bloßgestellt fühlte - immerhin war ein solcher Fehler wirklich blamabel und für Tränkemeister absolut unverzeihlich, aber er hatte ihren Stolz getroffen und sie offenbar empfindlich verletzt.

Das war nicht geplant gewesen. Er schätzte ihr Wissen, das unkonventionelle Herangehen an Fragestellungen, ihren scharfen Verstand.
Weiterführende Gedanken verbot er sich, erdrosselte sie rigoros mit einem Tau aus eisiger Abwehr und fügte, nur für alle Fälle, etwas Digitalispulver hinzu, auf daß der Herztod dem der Erstickung zuvorkam, sollte dieser sich nicht durchsetzen.

Der Angriff auf sein Bewußtsein hatte ihn weiter geschwächt, und, was zweifellos beabsichtigt, aber deshalb nicht weniger erschreckend war, dazu gedient, eine schwer kontrollierbare Furcht zu wecken: Furcht, beim zweiten Mal nicht widerstehen zu können, etwas preiszugeben und die Ordensmitglieder einer tödlichen Gefahr auszusetzen… Furcht vor der eigenen Unvollkommenheit.

Morgen abend schon würde er den Werwölfen um Voldemort entgegentreten müssen, würde unfreiwillig Zeuge jeder einzelnen gräßlichen Verwandlung werden, könnte nur tatenlos zusehen, wie das personifizierte Grauen Gestalt annahm…

Unwillkürlich schob sich die Erinnerung an jenen verabscheuungswürdigen Streich wieder in sein Gedächtnis, und Snape schauderte so heftig, daß es ihn selbst erschreckte. Er mußte sich von dem Trauma lösen, jegliche Gedanken daran verdrängen; andernfalls würde er versagen, hoffnungslos und jämmerlich versagen, ganz gleich wie wirksam der Trank sein mochte, den er anzupreisen gekommen war.

"Severus, rede mit mir", hörte er MacGillivrays schottischen Akzent von weit her. Ein federleichter Hauch… hatte sie ihn berührt?
Er fühlte sich in einen Sessel gedrückt - es gab keine Sessel in seinem Büro…

"Mach dir nicht so viele Sorgen", sagte sie leise. "Morgen früh brauen wir den Trank bestmöglich neu und" -
Sie unterbrach sich. Für ihn mußten ihre Worte wie Hohn klingen, war er es doch, der mit dem unbefriedigenden Ergebnis den Werwölfen gegenübertreten mußte, der vor Voldemort beweisen sollte, daß er weiterhin loyal zum innersten Kreis gehörte.

"Gäbe es einen Weg, ich ginge ihn für dich", rief sie in plötzlichem Überschwang, umfaßte seine kalte Hand und grinste sogleich verlegen. "Ich weiß, leicht gesagt; für den Vielsafttrank ist es zu spät."

Snape entwand seine Finger ihrer wundervollen Wärme. Noch niemals hatte jemand angeboten, für ihn bedingungslos einzustehen.
Das Gefühl war so fremd und berauschend, daß es ihn minutenlang in eine berückte Euphorie versetzte, aber das über endlose Jahre kultivierte Mißtrauen schob sich sofort wieder unbarmherzig in den Fokus seines rationellen Denkens.
Wie leicht für sie, sentimental zu reden. Für den Vielsafttrank war es in der Tat zu spät.

Dennoch, eine seelendurchwärmende Freude keimte in seiner verschlossenen Brust, und er gestattete sich ein winziges Lächeln.

"Ich pflege meine Aufgaben nicht zu delegieren, ganz gleich, wie unwillkommen sie auch sein mögen", sagte er stolz und unterdrückte nur mühsam einen weiteren Kälteschauer.
"Obwohl es bisweilen recht verlockend wäre, das Unterrichten 'Untergebenen' zu überlassen", setzte er mit vielsagendem Glitzern in den schwarzen Augen hinzu.
Mit etwas Glück würde Catriona sein Schaudern als Ausdruck von Abscheu vor den Schülern werten.

"Okay", sagte sie tatsächlich, aber was dann kam, hatte Snape beim besten Willen nicht erwartet.
"Ich unterrichte einmal für dich. Von mir aus schlimmstes Jahr, schlimmste Gruppe."

Er starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Wer konnte denn ahnen, daß sie gleich weich werden würde?
"Du mußt mir nichts beweisen", sagte er darum schroff. "Was für ein haarsträubender Einfall."

Soweit kam es noch - die Schüler sollten bloß nicht glauben, auf ewig von seiner Person erlöst zu sein. Außerdem traute er MacGillivray nicht. Sie sah nicht aus, als würde sie Schüler mehr mögen als er selbst, und wenn sie die Klasse verhexte oder auf irgendeine andere hinterlistige Art zur Räson brachte, so war das zwar ganz in seinem Sinne, aber er verspürte wenig Lust, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

"Du kannst es dir ja noch überlegen", sagte sie gerade so freundlich, daß er einer bitterbösen Erwiderung nur mit Mühe den Kopf abbiß, bevor sie unzensiert über seine Lippen kommen konnte.

Das Grauen, das die Vorstellung der Werwölfe weckte, wurde immer plastischer. Als es an der Bürotür klopfte, zuckte Snapes Kopf so gehetzt herum, daß sein Nacken mit heftigen Schmerzen gegen solch eine Mißachtung der anatomischen Gegebenheiten protestierte.

Er erwartete oder ersehnte niemanden, und die einzige Ausnahme glitt jetzt mit höchst graziösen Schritten zum Ausgang, um dem Besuch zu öffnen.

"Direktor. Professor McGonagall." Es gelang ihr meisterhaft, die Überraschung, die sie befiel, hinter einer Maske aus kühler Unverbindlichkeit zu verbergen.

"Treten Sie ruhig ein", höhnte Snape, dem die illustren Gäste ein noch größerer Dorn im Auge zu sein schienen als ihr. "Wie kann ich von Nutzen sein?"
Ein spöttischer Diener untermalte seinen zynischen Hochmut.

Dumbledore und McGonagall tauschten einen raschen Blick, von dem zumindest letztere irrtümlicherweise glaubte, er bemerke ihn nicht. Die Lehrerin für Verwandlungen rümpfte die Nase und setzte ihren unvergleichlichen Blick äußerster Konsterniertheit auf.
Zwar waren ihr die Launen des Tränkemeisters zur Genüge bekannt, aber nun, fand sie, übertrieb er es doch mit den Unverschämtheiten.

"Gibt es noch etwas, das wir für dich tun können?" erkundigte sich der Direktor warm und ignorierte großmütig Snapes zynisches Verhalten.

Dieser schüttelte sofort den Kopf.
"Nichts", sagte er kühl. "Danke."

MacGillivray verbiß ein Grinsen. Eigentlich hätten die Gäste spätestens jetzt in aller Deutlichkeit bemerken sollen, daß es Zeit war zu gehen, aber genau das Gegenteil geschah.
Dumbledore bot seiner Begleitung galant einen Stuhl und nahm dann selbst umständlich auf einem Hocker Platz.

"Wie haben Sie die Wirksamkeit des Trankes erprobt?" McGonagall musterte Snape scharf durch ihre funkelnden Brillengläser, und Catriona verdrehte im Hintergrund die Augen.
Auf der Liste der Verbotenen Fragen stand diese mit Sicherheit ganz oben.

Snapes tiefliegende Augen verengten sich lauernd. War Lupin etwa schnurstracks zum Rapport erschienen? Die Gesichter der Besucher verrieten nichts.

Der Meister der Zaubertränke beschloß, in die Offensive zu gehen. Auf diese Weise würden sie vielleicht am schnellsten sein Büro wieder verlassen.
"Remus Lupin hat sich freundlicherweise als Kandidat angeboten", sagte er darum mit klirrender Höflichkeit und schenkte McGonagalls übertrieben geschocktem Blick nicht die geringste Beachtung.
"Natürlich wird erst im Verlauf der vollständigen Transformation ersichtlich, ob und wie der Trank wirkt", fuhr er samtig fort, als doziere er vor Studenten, "aber auf die Frühzeichen scheint es einen positiven Einfluß zu geben."

Er verschwieg glatt das Müdigkeitsproblem, denn wenn sie nicht bald gingen, würde er zugeben müssen, daß er sich selbst abscheulich fühlte, und danach stand ihm keineswegs der Sinn.

"Ich versichere Ihnen, es geht Remus soweit gut", schaltete sich MacGillivray ein, die seine erschöpfte Hilflosigkeit beinahe körperlich spürte. "Wir stellen den Trank morgen abermals frisch her; mehr können wir wirklich nicht tun."

Ihr gewinnendes Lächeln überraschte Snape; daß sie sich so gut verstellen konnte, hatte er nicht vermutet. Und das Beste dabei war, die Gäste ließen sich täuschen.
"Wenn ihr irgend etwas benötigt…", offerierte Dumbledore im Gehen, und abermals strahlte ihn MacGillivray so souverän und freundlich an, daß der Tränkemeister halb irritiert, halb amüsiert den Blick abwandte. "Vielen Dank", sagte sie gerade und schloß die Tür mit einem vernehmlichen Quietschen.

Snapes froststarre Finger umklammerten haltsuchend die Tischkante. In seinem desolaten Zustand würde er komplett versagen, würde vor Angst erstarren, wie er von Panik gelähmt gewesen war, damals, als ihn Sirius Black durch einen üblen Streich in höchste Gefahr gebracht hatte.

Entschlossen stieß er sich ab, ging mit genau bemessenen Schritten zu einem kleinen Regal kurz vor dem Durchgang zum Labor und füllte eine aromatische Flüssigkeit in ein schmuckloses Glas.
"Zum Wohl", sagte er spöttisch, weil ihn MacGillivray aufmerksam beobachtete und leerte den Inhalt in einem Zug.

Sie erwiderte nichts, strich nur mit der sanftesten aller Berührungen über den schwarzen Stoff seines Ärmels.
Mit Stärkungstränken hatte sie selbst gute Erfahrungen gemacht; sie wirkten bisweilen wahre Wunder, aber irgendwann verlangte der Körper nach mehr als nur nach magischer Alimentation.

"Ich werde mal auskundschaften, was die Hauselfen fürs Abendessen vorgesehen hatten", verkündete sie daher mit einem schelmischen Zwinkern; es war wieder einmal zu spät, um am regulären Dinner teilzunehmen. Andererseits… dies hätte Snape ohnehin kategorisch abgelehnt, rief sie sich verdrossen ins Gedächtnis und seufzte ausgiebig.

"Du hältst auch nichts aus", stellte der Tränkemeister trocken fest, der das Seufzen als Hunger mißinterpretierte. "Wie du das in Brasilien anstellst, ist mir ein Rätsel."

MacGillivray durchbohrte ihn mit einem sengenden Todesblick. "Das Schöne an Stärkungstränken ist", sagte sie gewählt und betonte jedes Wort, "daß man bei dir sofort den Effekt bemerkt. Leider nur auf die Zunge; das logische Denkzentrum wird ausgespart. Aber das kommt vor bei langdauernden Hungerperioden."

Ein hitziges Rot stieg in Snapes bleiches Gesicht. Er hatte ihre Schlagfertigkeit unterschätzt; mehr als einmal hatte sie ihm bedeutet, daß sie sich unter keinen Umständen vorführen ließ.
Legte er wirklich gesteigerten Wert auf einen Pyrrhussieg? Die Kraft, die ihn ein weiteres Wortgefecht mit ihr kosten würde, sparte er besser für das Werwolftreffen auf.

"Ich nehme an, du unterbreitest gleich einen Vorschlag, wie ich die 'langdauernde Hungerperiode' unterbrechen kann", sagte er gespreizt und zog unwillkürlich die Robe enger um seinen fröstelnden Körper.

MacGillivray lächelte befreit. Für einige bange Minuten hatte sie befürchtet, ihn schon wieder beleidigt zu haben, aber glücklicherweise schien er ihr mittlerweile soweit zu vertrauen, um zu erkennen, daß sie ihn nicht verletzen, sondern ihm die Augen öffnen wollte.

"Das Rotationsprinzip gebietet, daß du mich in meinem Quartier aufsuchst", gab sie nicht minder gestelzt zurück, "sofern du dich mit etwas Inkonsequenz anfreunden kannst."
Ihre schillernden Smaragdaugen machten ihn schwindlig. Snape wandte den Blick ab, aber fast sofort kehrte er zurück, trank durstig von den Funken betörender Anziehung, die von ihr ausgingen.

"Ich ziehe mein Quartier vor", sagte er heiser. "Aber ich wäre bereit, die Kochkünste der Hauselfen zu beurteilen."

Catriona nickte zufrieden. "So mag sogar ich Kompromisse", scherzte sie und steckte den Zauberstab ein. "Ich werde mich nicht lange aufhalten", versprach sie mit seltsamem Glitzern in den Augen, bevor sie davonrauschte und Snape aufgewühlter denn je zurückließ.

Vielen Dank an J.K. Rowling für die Erfindung dieser inspirierenden Charaktere.

Freue mich sehr über Meinungen, Anregungen oder Kommentare!

Übrigens: Guaraná (Paullinia cupana) wurde lange vor seinem Aufstieg zur "Modeaufputschdroge" zum Erzielen einer wachsamen Klarheit verwendet. Und ja, inzwischen weiß ich, daß Rowling Sinistra den wenig einfallsreichen Vornamen Aurora verpaßt hat.


 

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