My Name is Severus

 

 

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Kapitel 7: Ein geschäftiger Sonntag

Sonntagmorgen, während des Frühstücks, erhielt Draco sein wöchentliches Versorgungspaket mit Süßigkeiten von seiner Mutter. Er lächelte fröhlich, als sein Uhu mit dem großen Paket hereinschwebte. Normalerweise kamen die Geschenke seiner Mutter am Samstag an, aber manchmal kamen sie zu spät. Das lag meistens daran, dass sein Vater es nicht guthieß, dass seine Frau ihrem Sohn Belohnungen zukommen ließ, die er sich nicht verdient hatte. Also hielten sie es geheim, und Narzissa schickte die Pakete nur weg, wenn Lucius nicht zu Hause war. 

Draco schnappte sich rasch das Paket und riss es auf. Er fürchtete immer, dass Gregory und Vincent das ganze Ding in einem Bissen verschlingen würden, wenn er ihnen nicht schnell genug ihren Anteil abgab. Sie beobachteten ihn bereits hungrig.

Er nahm einen Schokofrosch für sich heraus und bot die Schachtel dann zuerst Vincent, dann Gregory und schließlich Blaise an, der nicht annähernd so gierig war wie die anderen beiden.

"Ooh, Draco, kann ich einen Schokofrosch haben?", rief Pansy Parkinson von dort, wo ein dichter Haufen von Slytherin-Fünftklässlerinnen saß. Während der Mahlzeiten hielten sie sich von den Jungs fern. Draco hatte den Verdacht, dass sie so besser über sie tratschen konnten. 

"Mhmm, Schokofrösche!", seufzte Millicent Bullstrode und versuchte, Draco einen Hundeblick zuzuwerfen, was ziemlich daneben ging.

Draco warf den Mädchen trotzdem sechs Schokofrösche zu.

"Hier, einen für jede, weil ihr meine Klassenkameradinnen seid", erklärte er.

"Und was ist mit mir?", Severus` Hundeblick war um einiges besser als der von Millicent. "Ich bin auch dein Klassenkamerad. Kriege ich keinen?"

Draco zögerte. Sollte er? Nach dem, was Severus letzte Nacht durchgemacht hatte, konnte er eine kleine Aufmunterung brauchen, auch wenn er offensichtlich als ganz der sarkastische alte wieder aufgewacht war und Gregory bereits dafür, dass dieser seinen Igel bedroht hatte, ein blaues Auge verpasst hatte. 

"Du? Klassenkamerad? Du bist nichts als ein großer Irrtum", verkündete Blaise und die anderen beiden grinsten Severus fies an.

"Ich habe nicht dich gefragt. Ich habe Draco gefragt", sagte Severus und sah Blaise kalt an, der ihm nicht in die Augen sehen konnte und seine Aufmerksamkeit wieder seinem Toast zuwandte.

"Nun, es macht keinen Unterschied", stieß Draco hervor. "Du wirst nichts kriegen."

"Ach wirklich?", fragte Severus drohend.

"Wirklich!", bestätigte Draco. Es war zu spät, um es sich anders zu überlegen. Auch wenn ein Schokofrosch niemandem wehgetan hätte.

"Wir werden sehen!", knurrte Severus, aber er wandte sich wieder seinem Frühstück zu und versuchte, Greenies Interesse auf ein Stück Toast mit Marmelade zu lenken, als ob nichts passiert wäre.

Greenie schien weder Brot noch Marmelade zu mögen. Er schnüffelte verärgert und wandte seine Aufmerksamkeit Dracos Cornflakes zu. Nicht, dass er sich besonders für die Cornflakes an sich interessiert hätte, aber die Milch roch köstlich.

"Hey, hör auf damit!", schrie Draco und stieß ihn weg.

Greenie blinzelte verwirrt zu ihm hoch. Er wollte ein paar Cornflakes.

Draco seufzte und nahm einen kleinen extra Teller, um dem Igel Frühstück zu servieren. Greenie blinzelte nochmals zu ihm hoch, bevor er reinhaute. ‚Danke.'

Dumbledore beobachtete Severus während des gesamten Frühstücks aufmerksam. Dem Jungen schien es ganz gut zu gehen. Er stritt sich mit seinen Hauskameraden wie immer. Professor McGonagall war gerade rechtzeitig gekommen, um ihn davon abzuhalten, eine volle Schüssel Cornflakes nach Vincent Crabbe zu werfen. Heute keine Essensschlacht.

Severus sah nicht einmal zum Lehrertisch herüber. Der Direktor verspürte darüber Erleichterung. Er hatte sich Sorgen gemacht, dass er diese Nacht vielleicht zu weit gegangen war, aber offensichtlich hatte Severus bereits alles über diesen Vorfall vergessen.

Dumbledore seufzte. Er durfte nicht vergessen, die Zaubertrankklasse immer abzuschließen, für den Fall, dass Severus zurückkam. Er konnte ihm nicht erlauben, sich über die Zaubertrankzutaten herzumachen. Es war gefährlich genug, wenn einige der anderen Schüler mit ihnen experimentierten, aber Severus wusste zu viel über sie. Wer wusste, auf welche Ideen er kam.




Wieder einmal ging Severus vom Frühstück direkt in die Bibliothek. Sie war, so wie immer am Sonntagmorgen, beinahe leer.

Hermine Granger saß wie immer in ihrem üblichen Sessel. (Jeder in der Schule wusste, dass Hermine immer dort saß und niemand dachte auch nur daran, dort Platz zu nehmen, auch wenn sie nicht da war.) 

Ein paar Ravenclaws saßen irgendwo hinten im Raum, sie arbeiteten an irgendeiner Art Gruppenprojekt. Severus nahm unauffällig einen kleinen Umweg auf seiner Strecke zur Zaubertrankabteilung, um ihrer Unterhaltung zu lauschen.

"...aufgrund des Uranuseinfluss", sagte eines der Mädchen.

"Nein, das kann nicht sein", widersprach eine ihrer Partnerinnen. "Kannst du nicht sehen, dass Venus Uranus aufhebt?"

"Aber der Einfluss von Saturn ist viel stärker und wird Venus blockieren", betonte das andere Mädchen nachdrücklich.

Schließlich sprach das dritte Gruppenmitglied, das bisher nichtstuend in seinem Sessel gelehnt hatte. 

"Lasst uns einfach schreiben, dass es aufgrund der Konstellation von Uranus, Venus und Saturn eine Flut geben wird und wir alle ertrinken werden. Aufgrund dessen müssen wir keine Vorhersagen mehr für den Rest der Woche treffen, da wir es ohnehin nicht mehr erleben werden", schlug er vor.

"Aber das ist nicht, was die Sterne zeigen!", schrie das erste Mädchen in schockiertem Tonfall.

"Na und?", grinste der Junge. "Es ist ziemlich deprimierend. Ich sage euch, Trelawney wird es lieben."

Severus rollte mit den Augen und dankte den Göttern (falls sie existierten), dass Dumbledore seine strikte Verweigerung, sich auch nur in die Nähe des Wahrsagezimmers zu begeben, akzeptiert hatte, als er weiter zur Zaubertrankabteilung ging. Wenn es jemals ein völlig sinnloses Fach gegeben hatte, dann war es Wahrsagerei. Überhaupt so wie Sybill Trelawny es unterrichtete.

Er konnte einfach nicht verstehen, warum Dumbledore Sybill nicht bereits vor langer Zeit gefeuert hatte. Sie diente nur dazu, die Schüler mit ihren ständigen Todesvisionen zu verstören. Aber er hatte Albus niemals davon überzeugen können.

Für einen Moment lächelte er, als er an jene Zeiten dachte, in denen sie über die Wahrsagelehrerin diskutiert hatten, aber dann erinnerte er sich an letzte Nacht und runzelte die Stirn. Diese Tage waren vorbei. Jetzt war er ganz allein, und er musste seine Rache am Direktor vorbereiten. Er wusste, was er zu tun hatte. Alles, was er brauchte, war ein Netz und einige von Filchs Werkzeugen. Er würde diese am Abend stehlen. Wenn er es jetzt tat, würde Filch sie während des Tages vermissen und ihr Verschwinden dem Direktor melden, der damit vorgewarnt wäre.

Severus suchte schnell die Regale nach ein paar Büchern ab, die ihm nützlich sein konnten. ‚Ja, sicher. Als ob ich irgendetwas in einem von diesen finden würde.' Dann nahm er seinen Zauberstab heraus und ließ sie zu seinem Lieblingstisch hinüberschweben.

Die Ravenclaws sahen verblüfft hoch, als mehrere Bücher an ihren Köpfen vorbeischwirrten. Das Mädchen, das so von Uranus überzeugt war, hob seinen Kopf so plötzlich, das es mit der Kante eines der Bücher zusammenstieß. 

"Aah!", kreischte sie, offensichtlich mehr erschrocken als verletzt.

Das Buch begann außer Kontrolle geraten herumzuwirbeln, schlug ein paar Salti und sauste schließlich in Richtung Abteilung für Zauberformeln davon, wo es schließlich in ein überfülltes Regal krachte und es umstieß. Bücher flogen durch die ganze Zauberfomel-Abteilung, prallten gegen andere Regale und brachten noch mehr Bücher mit sich zu Fall.

Severus grinste angesichts des Chaos, rief das verlorengegangene Buch mit einem raschen "Accio" zurück und ging damit auf seinen Tisch zu. Aber er kam erst gar nicht soweit. Dobby baute sich plötzlich vor ihm auf und sah mit erstaunten großen Augen zu ihm hoch. 

"Dobby kann Sir nicht erlauben, Bücher durch die Bibliothek fliegen zu lassen, Sir", sagte der Hauself in einem, wie Severus annahm, streng gemeinten Ton. "Dobby ist für die Ordnung in der Bibliothek verantwortlich."

Severus musterte den Elf von oben bis unten und beschloss, ihn zu ignorieren. Er ging an Dobby vorbei und setzte sich vor seine Bücher, aber Dobby folgte ihm und hüpfte auf den Tisch.

Greenie, der zwischen den Büchern herumgekrabbelt war, beschnüffelte den Elfen neugierig. Was war das? So etwas hatte er noch nie gesehen. Es sah aus und roch wie ein Mensch, aber es war auf jeden Fall zu klein, um einer zu sein. Vielleicht war es genießbar? Zu dumm, dass es nicht lange genug still hielt, um es zu probieren. Greenie machte einen letzten enttäuschten Schnüffler und drehte sich weg, um an einem alten ledergebundenen Wälzer mit dem Titel ‚Zaubertränke für Anfänger' zu nagen.

"Dobby ist verantwortlich", beharrte der Hauself.

Madame Pince, welche die Szene beobachtet hatte, beschloss, sich einzumischen. Sie versuchte, sich heute so weit wie möglich aus den Angelegenheiten der Bibliothek herauszuhalten, um ihrem neuen Lehrling eine Chance zu geben, zu üben, bevor sie ihn allein ließ, um am nächsten Tag mit dem Unterricht zu beginnen. Aber nun steuerte Dobby auf Probleme zu. Wer wusste, was Severus ihm antun würde, wenn der Hauself begann, ihn zu ärgern.

Sie rauschte so schnell sie konnte zu Severus Tisch hinüber, ohne den Anschein zu erwecken, es eilig zu haben.

"Severus, ich möchte dich bitten, meine Bücher nicht herumschweben zu lassen! Jemand könnte verletzt werden und die Bücher könnten beschädigt werden. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wirst du die Bibliothek verlassen", erklärte sie streng.

Severus sah auf und machte sein bestes Unschuldsgesicht. "Ich lasse gerade gar nichts herumschweben. Ich lese bloß. Ist das ein Problem?"

Madame Pince seufzte und schickte Dobby hinüber in die Abteilung für Zauberformeln, um die verstreuten Bücher aufzusammeln und sie wieder in ihre zugehörigen Regale einzuordnen.

"Was machte der Elf hier überhaupt?", fragte Severus nebenbei.

"Ich wurde gebeten, solange einzuspringen, bis wir einen neuen Lehrer für Alte Runen gefunden haben. Dobby wird mich während der Unterrichtsstunden vertreten", erklärte Madame Pince kurz. "Und jetzt lies oder verlass meine Bibliothek!"

Severus wandte sich wieder seinen Büchern zu und gab vor, zu lesen. Also würde Dobby mit der Bibliothek betraut sein, während Madame Pince unterrichtete? Dann war alles, was er tun musste, herauszufinden, wann sie unterrichtete. Madame Pince würde ihn nicht ohne eine geeignete Genehmigung von Dumbledore in die verbotene Abteilung lassen, aber an Dobby vorbeizukommen, sollte ein Leichtes sein. 

Severus grinste und wandte sich wieder seinen Büchern zu. Nicht, dass er ihnen besonders viel Aufmerksamkeit schenkte. Bald würde er die Bücher haben, die ihm wirklich weiterhalfen, aber er musste weiterhin so tun, als ob ihn das interessierte, was er jetzt las, oder Madame Pince würde möglicherweise Verdacht schöpfen. 

Eine Stunde später stapfte Draco in die Bibliothek und sah herum, als ob er etwas suchte.

"Suchst du Ginny?", fragte Severus und grinste, als er an seinem Tisch vorbeikam.

Draco wurde rot, blieb stehen und funkelte ihn wütend an.

"Nein! ...Ist sie da?"

Severus kicherte, als er den hoffnungsvollen Ton in Dracos Stimme hörte. "Nein."

"Hast du ...ähm.... hast du sie gesehen?" Draco versuchte es beiläufig klingen zu lassen.

"Nein, aber angesichts der Tatsache, dass heute Sonntag ist und ein sehr schöner Tag, würde ich draußen nach ihr suchen", schlug Severus vor und bedachte Draco mit einem seiner eigenen typischen Lächeln.

"Draußen?"

"Ja, draußen. Du weißt schon, dort wo der große blaue Himmel über dir ist? Das ist draußen. Wahrscheinlich erfreut sie sich gerade an einer Schneeballschlacht oder sie baut einen Schneemann mit ihren Freunden."

Draco sah finster drein, als er erkannte, dass er wohl keine Gelegenheit bekommen würde, mit ihr alleine zu sprechen, wenn sie draußen mit den anderen Gryffindors spielte. 

"Nun, ich habe sowieso nicht nach ihr gesucht", behauptete er. "Vielleicht gehe ich einfach ein bisschen herumfliegen."

Er drehte sich um, um zu gehen, aber dann dachte er, dass das wohl zu offensichtlich sein würde und so überflog er stattdessen Severus´ Bücher.

"Zaubertränke?", fragte er. "Ich dachte, du machst endlich deine Verwandlungs-Hausaufgaben!"

Das wischte Severus´ Grinsen aus seinem Gesicht. Er musste seine Verwandlungs-Hausaufgaben morgen abgeben und er hatte immer noch niemanden gefunden, der bereit war, ihn abschreiben zu lassen. Es blieb ihm nur noch eine Lösung und er hatte sich ohnehin vorgenommen, ein bisschen herumzuschnüffeln.

Sobald Draco verschwunden war, zog Severus seinen Zauberstab heraus und ließ die Bücher zurück auf ihre Regale schweben.

Sofort waren Dobby und Madame Pince zur Stelle. Der Erstere überrascht, die Letztere böse dreinblickend.

"Ich gehe ohnehin", erklärte Severus der Bibliothekarin mit einem engelsgleichen Lächeln. "Also dachte ich, ich könnte sie genauso gut, wieder zurückschweben lassen."

"Zehn Punkte Abzug für Slytherin!", zischte Madame Pince. "Und jetzt raus hier!"

Severus lächelte weiter und schlenderte aus der Bibliothek.




Eine halbe Stunde nach ihrer Begegnung in der Bibliothek kam Draco in den Gemeinschaftsraum, um Severus dort in seinem Lieblingssessel sitzend und malend vorzufinden.

"Machst du immer noch nicht deine Verwandlungs-Hausaufgaben?" 

"Ich arbeite daran", antwortete Severus ruhig.

"Wirklich?", fragte Draco und spähte ihm über die Schulter. "Sieht mir eher nach einem Einhorn aus. Du wirst uns noch mehr Punkte kosten, wenn du deine Hausaufgaben morgen nicht hast."

"Da wir gerade von Punkten sprechen. Ich habe gerade wieder zehn Punkte dafür verloren, dass ich Bücher in der Bibliothek herumschweben ließ", sagte Severus mit sachlichem Ton.

"Was!", kreischte Draco. "Wieder zehn Punkte! Warum?"

"Mir war gerade danach."

"Ist Punkte verlieren so etwas wie ein Hobby von dir?", höhnte Draco. "Du bist wirklich gut darin."

"Nun, ich denke, so kannst du es interpretieren", grinste Severus.

"Du bist ein hoffnungsloser Fall!", seufzte Draco und stürmte die Treppe Richtung Schlafsaal hinauf.

Ein Weilchen später kam er von Vincent, Gregory und Blaise gefolgt herunter. Alle vier trugen ihre Besen mit sich und grinsten fröhlich.

"Wo geht ihr hin?", fragte Severus beiläufig.

"Quidditch spielen", sagte Draco. "Willst du mitkommen?"

"Was?", zischte Vincent. "Warum sollten wir ihn dabei haben wollen?"

"Musstest du ihn das fragen?", knurrte Blaise zur selben Zeit.

"Wir werden mehr Spieler brauchen für ein richtiges Spiel", erklärte Draco.

"Nein, danke. Ich habe nicht einmal einen Besen", antwortete Severus und ignorierte die wütenden Jungs.

"Du könntest dir einen von den Schulbesen ausborgen", schlug Draco vor und hoffte insgeheim, dass Severus und die anderen Frieden schließen würden, wenn er sie dazu brachte, miteinander zu spielen.

"Ich habe es euch Jungs schon einmal gesagt: Ich habe Höhenangst", sagte Severus ruhig, obwohl er wusste, was als nächstes kommen würde.

"Du hast Angst davor, auf einem Besen zu reiten?", fragte Draco, der seinen Ohren nicht traute.

"Ja."

"Wie konntest du jemals Lehrer werden, wenn du nicht einmal einen Besen reiten kannst?", Blaise lachte.

"Ich kann einen Besen reiten", antwortete Severus und sah Blaise kalt an.

Blaise hielt augenblicklich den Mund. Severus hatte schon früh herausgefunden, dass Blaise leicht einzuschüchtern war und sehr empfindlich auf seinen kalten Blick reagierte. Gregory fürchtete ihn ebenfalls aufgrund der zahlreichen Verletzungen, die er bis jetzt hatte einstecken müssen und würde ihn nicht herausfordern, solange Draco ihn nicht zuerst angriff.

Aber Draco schien ungewöhnlich freundlich. ‚Vielleicht sind seine Gedanken die ganze Zeit bei Ginny', dachte Severus.

Vincent war dafür im Moment der gefährlichste, aber er war kein Führertyp und Severus wusste, dass er in einer Prügelei mit ihm fertig werden würde.

Tatsächlich war es so, dass Severus wusste, dass er mit allem fertig wurde mit dem die anderen aufwarteten, solange Draco nicht mitmachte. Solange Draco ihn nicht angriff, kämpften die anderen jeder für sich allein. Nur Draco machte sie zu dem Mob, der ihn letzte Woche aufgemischt hatte.

Einige andere Kids meldeten sich sogleich freiwillig, beim Spiel mitzumachen und bald war der Gemeinschaftraum beinahe wie ausgestorben. Mit einem zufriedenem Lächeln packte Severus seine Bleistifte und Pergamentrollen weg, nahm seinen Igel und ging die Treppe zu seinem Schlafsaal hinauf. Alles verlief genau nach Plan.




Als Draco und die anderen von ihrem Spiel zurückkehrten, fanden sie Severus in genau dem selbem Sessel wie einige Stunden zuvor sitzend vor, wo er etwas von einer Pergamentrolle abschrieb. Er schien den Gemeinschaftsraum die ganze Zeit nicht verlassen zu haben, seit sie gegangen waren.

"Machst du endlich deine Hausaufgaben?", fragte Draco in Erwartung eines klaren ‚nein'.

"Jap, fast fertig", grinste Severus.

"Wirklich?", fragte Draco überrascht, als er sich neben ihn setzte.

"Ja, ich wäre längst fertig, wenn Greenie nicht dauernd im Weg gewesen wäre."

"Greenie?", fragte Draco und sah den Igel zweifelnd an.

"Ja, er ist dauernd über meine Pergamentrollen spaziert", beklagte sich Severus.

"Vielleicht will er mehr Aufmerksamkeit?", schlug Draco vor.

Greenie sah zu ihm hoch, blinzelte fröhlich und fuhr damit fort, neugierig den Tisch zu beschnüffeln.

"Na, wenn das so ist, mach schon und knuddle ihn ein bisschen", antwortete Severus mit einem hämischen Grinsen.

Draco besah den stacheligen kleinen Kerl näher und beschloss, Severus Ratschlag besser nicht zu folgen.

Sollte er Severus wegen Ginny fragen? Das war vielleicht ein guter Zeitpunkt. Severus wirkte ziemlich umgänglich und er war mit Hausaufgaben eingedeckt. Er würde vielleicht so nett sein und ihm tatsächlich helfen. Es wusste ohnehin jeder, dass er in sie verliebt war und er hatte nicht halb so viel Spott einstecken müssen wie erwartet.

Aber Severus konnte man nicht trauen. Er würde ihm vielleicht die falschen Ratschläge geben, die Ginny wütend machten.

"So!", seufzte Severus. "Ich bin fertig!"

Er packte seine Pergamentrolle weg, dann nahm er jene, von der er abgeschrieben hatte und warf sie ins Feuer.

Draco sah zu, wie die Flammen das Pergament verzehrten.

"War das deine?", fragte er nach einem Moment langsam.

"Nein", grinste Severus, als er das Pergament mit der Einhornzeichnung wieder herauszog und zum Zeichnen zurückkehrte.

Draco saß da und sah ihm beim Zeichnen zu. Eine Weile dachte er noch darüber nach, Severus um Rat zu fragen, aber seine Gedanken wurden zunehmend von imaginären Drachen angezogen, die gewisse gezeichnete Einhörner begleiteten.

Er dachte daran, sich einfach einen von Severus Bleistiften zu schnappen und ihm beim Zeichnen seines Bildes zu helfen, aber einige ihrer Hauskameraden beobachteten sie. Sie fragten sich wahrscheinlich bereits, was er da tat, warum er da saß und Severus beim Zeichnen zusah.

Also saß er einfach weiter da und stellte sich vor, was gewesen wäre, wenn ihre Hauskameraden nicht da gewesen wären.




Als Draco an diesem Abend zurück in den Schlafsaal kam, fand er zu seiner Überraschung Gregory, Vincent und Blaise auf ihn wartend vor und sie sahen nicht besonders glücklich aus.

"Stimmt etwas nicht?", fragte er beunruhigt. "Ist irgendetwas passiert?"

"Das möchten wir von dir wissen", sagte Blaise.

"Wir wollen wissen, was du da unten gemacht hast", erklärte Vincent.

"Was meint ihr? Was habe ich gemacht?", fragte Draco, obwohl er bereits ahnte, worum es ging. 

"Du bist mit Severus zusammengesessen!", beschuldigte ihn Gregory.

"Und du hast ihn gefragt, ob er Quidditch mit uns spielt!", fügte Blaise hinzu.

"Wir haben mehr Spieler gebraucht und er war gerade da", verteidigte sich Draco. Er hatte beschlossen, Blaise zuerst zu antworten, da er Zeit brauchte, sich eine Erklärung für sein Zusammensitzen mit Severus einfallen zu lassen.

‚Ich muss besonders vorsichtig sein. Sie haben Verdacht geschöpft. Wenn ich jemals wieder nett zu Severus bin, werden sie sich gegen mich wenden', dachte er.

"Das erklärt aber noch nicht, warum du den ganzen Abend mit ihm herumgesessen bist", betonte Vincent.

Nun, das bedeutete zumindest, dass der Quidditch-Vorfall ausreichend gerechtfertigt war.

"Ich... ich wollte ihn etwas fragen", sagte Draco wahrheitsgemäß.

"Und warum bist du nicht zu uns zurückgekommen, als du fertig warst?", wollte Blaise wissen.

"Ich wollte, aber ich... ich bin nicht dazu gekommen, ihn zu fragen."

"Du bist nicht dazu gekommen, ihn zu fragen? Denkst du nicht, du bist lange genug dort herumgesessen?", zischte Blaise.

"Was wolltest du ihn eigentlich fragen?", warf Vincent ein.

"Ich... ich... ich würde es lieber nicht sagen", stotterte Draco.

Jetzt wurde sogar Gregory wütend. "Du hast Geheimnisse vor uns Draco?", fragte er.

"Geheimnisse, die du der kleinen Ratte erzähle würdest, aber uns nicht?", knurrte Vincent.

"Ich dachte, wir sind deine Freunde", stieß Blaise wütend hervor.

Draco beobachtete, wie sie über ihn herfielen. ‚Oh nein, es beginnt bereits!'

"Schaut, ich wollte es ihm auch nicht erzählen!" ,rief er ausweichend. "Deshalb habe ich so lange gebraucht. Ich wollte es ihm nicht erzählen, aber ich dachte, ich sollte, aber am Schluss habe ich es nicht getan, weil ich es niemandem erzählen will."

"Aber wenn du es jemandem erzählt hättest, dann Severus und nicht uns?", fragte Vincent.

"Nein, nein, ich hätte es euch auch erzählt:"

"Warum hast du ihn dann nicht vor uns allen gefragt?", fing Blaise wieder an. Er wirkte am aggressivsten.

"Weil... weil..." Was sollte er sagen?

In diesem Moment kam Severus breit grinsend mit dem Igel auf dem Arm herein.

"Hat irgendjemand von euch vor, heute Nacht rauszuschleichen?", fragte er und ignorierte ihre wütenden Blicke.

"Was kümmert dich das?", fragte Draco. "Das geht dich nichts an."

Er konnte an der Art, wie die anderen sich Severus zuwandten, sehen, dass sie seine Handlungsweise akzeptierten. Das war noch einmal gut gegangen.

"Ich sage nur, dass die erste Person, die durch die Tür zum Gemeinschaftsraum geht, eine ziemliche Überraschung erleben wird", grinste Severus. "Und ihr wollt sicher nicht diejenigen sein. Es ist außerdem nicht für euch gedacht."




In dieser Nacht wurden sie wieder einmal von einem lauten schepperndem Geräusch geweckt. Draco saß sofort aufrecht im Bett und sah zu Severus´ Bett hinüber.

"Ah, Erfolg!" verkündete Severus und sprang aus dem Bett.

Die Geräusche kamen von unten. Draco erinnerte sich plötzlich wieder an Severus´ Warnung bezüglich des Eingangs zum Gemeinschaftsraum. Das war definitiv, von wo die Geräusche kamen.

Draco schlüpfte aus dem Bett und folgte Severus, wobei ihm die anderen drei hinterherliefen. 

Sie blieben auf halbem Weg mitten im Schritt auf der Treppe stehen. Vor dem Eingang war etwas, das wie ein großer beweglicher Haufen aus Seilen mit einem Eimer auf der Spitze aussah. Mehrere Stühle lagen halb auf dem Haufen und es sah aus, als wäre er an einen der Tische gefesselt.

Eine zweiter Blick enthüllte, dass der Haufen sehr nass war und dass etwas darunter war. Das musste der Grund sein, warum er sich bewegte! Durch all die Seile blitzte ein Stück eines blauen Umhangs durch und ein wenig weißes Haar wurde bei jeder Bewegung sichtbar.

"Hi, Albus!", begrüßte Severus den Haufen mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht. "Ich dachte, du könntest eine weitere kalte Dusche vertragen, nach dem, was du meinen Vorräten angetan hast." 

Dem Eimer entwich ein schreckliches, aber unverständliches Geräusch.

Severus ging langsam hinüber und zog den Eimer von Dumbledores Kopf. Der Direktor war wieder einmal völlig durchnässt.

Dumbledore blinzelte, wobei ihm Wasser von den Wimpern tropfte, und versuchte, sich aufzusetzen, aber er war zu verstrickt in die Seile, um das zustande zu bringen und konnte seinen Zauberstab unmöglich erreichen. Er musste sich gegen die Wand lehnen. Langsam ließ er seine Blicke durch den Raum wandern.

Das ganze Slytherin-Haus war mittlerweile auf der Treppe versammelt, lachte und zeigte auf ihn.

Dumbledore wandte seine Aufmerksamkeit wieder Severus zu. "Okay", sagte er lächelnd. "Ihr Jungs habt genug gelacht. Jetzt lasst mich raus."

"Nein", sagte Severus. "Nicht bevor du mich bittest."

"Also gut, bitte Severus, lass mich gehen."

"Nicht gut genug", entschied Severus.

Die Slytherins auf der Treppe lachten lauter und lauter.

"Severus, lass mich jetzt raus oder ich werde Slytherin noch einmal 100 Punkte abziehen."

Keine Reaktion.

"Ich will das nicht tun, Severus. Ihr seid mein Haus. Aber ich muss darauf bestehen, dass du mich gehen lässt."

Einige Slytherins begannen besorgt auszusehen, aber die große Mehrheit kümmerte sich nicht mehr um Punkte und fuhr damit fort, Severus anzufeuern.

"Nein", wiederholte Severus. "Vielleicht lasse ich dich einfach hier, bis die anderen Lehrer dich morgen früh suchen kommen."

"Schau, ich habe gestern Nacht ein bisschen überreagiert und es tut mir leid. Ich hätte dich nicht so anschreien sollen. Ich wollte dir das sagen. Ich bin immer noch dein Freund, Severus."

"Nein, bist du nicht!", schrie Severus zornig. "Süße Träume Albus!"

Er drehte sich um und ging auf die Treppe zu.

"Severus, das kannst du nicht machen! Ich werde mir wieder eine Erkältung einfangen!"

"Als ob mich das kümmerte!", schrie Severus, als er die Stufen hinauf ging.

Das Publikum war verstummt. Das war mehr als einer von Severus´ üblichen Streichen.

"Wenn mich jetzt nicht sofort jemand hier raus lässt, werde ich euch 500 Punkte abziehen und dem ganzen Haus eine Strafarbeit verpassen!", drohte Dumbledore.

Die Schüler sahen einander unsicher an. Dann kam Susan langsam und zögernd die Treppe herunter und sprach einen Entfesslungszauber aus, der Dumbledore befreite. Nachdem sie das vollbracht hatte, drehte sie sich auf ihrem Absatz um und floh in ihren Schlafsaal.

Bevor Dumbledore das Netz, das jetzt lose auf ihm lag, abgeschüttelt und die restlichen Seile abgestreift hatte, war der gesamte Gemeinschaftsraum wieder leer und alle Schüler lagen wieder im Bett und gaben vor, zu schlafen.


Kapitel 6

 Kapitel 8

 

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