Ich glaube nicht an Zauberei

 

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Kapitel 7:
Gefesselt




Doch dann rührte sich etwas in der Ecke hinter mir: "Gut gemacht, Lily", hörte ich die klare Stimme Snapes.
Ich drehte mich um und wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte.
"Sie sind wirklich eine mutige Frau, alle Achtung." Das klang ehrlich. Ein Hauch von Stolz kam in mir auf. Ein Lob von diesem Mann.
"Ja, aber wo ist er?" fragte ich, den Stab immer noch in den Händen haltend. Meine Knie zitterten von all der Aufregung.
"Fort. Disappariert. Er kommt nicht wieder."
"Diss a- was?"
"Nun, er hat sich selbst zu einem anderen Ort verschwinden lassen. Das gehört zu den besonderen Fähigkeiten eines Zauberers."
Snape fuhr mit seiner leisen Stimme freundlich fort: "Und wenn Sie mich jetzt hier entfesseln könnten, bitte."

Verwirrt trat ich zu Snape und fing an, an den Fesseln herumzuzerren. Doch die saßen bombenfest. Wie angewachsen.
"Wie soll ich die lösen?" fragte ich genervt. Ich fand keinen Knoten oder dergleichen.
"Versuchen Sie, meine rechte Hand zu befreien, dann kann ich mich freizaubern."
Ich fingerte an den Schnüren rum, doch je mehr ich daran zog, umso enger schlangen sie sich um Snapes Körper. Snape japste nach Luft.
"Ich schaff es nicht", stöhnte ich, und versuchte es immer wieder an einer anderen Stelle. Kein Körperteil ließ sich befreien, noch nicht mal ein einziger Finger.
"Lass es", keuchte Snape schließlich, "wir müssen uns etwas anderes überlegen. Magische Schnüre lassen sich nicht so leicht lösen."
Er überlegte.
"Hm", sagte er nach einer Weile, "immerhin haben Sie den Zauberstab erwischt. Nun ja. Vielleicht könnten Sie ja doch ... ja, versuchen wir´s mal: Also, vielleicht sind Sie wirklich kein Muggel. Nehmen Sie den Stab und richten Sie ihn auf diese Stelle hier, ja, genau hier hin auf die Schlinge dort zielen, und sagen Sie deutlich folgendes Wort: Finite Incantatem."

Ich tat wie geheißen. Doch nichts passierte. Ich versuchte es einige Male, mal im sanften, dann wieder in energischem Tonfall, zielte dabei mit verschiedenen Methoden und Schwungtechniken, aber nichts geschah. Ich hätte einen normalen Holzstock nehmen können, da war kein Unterschied.
Severus ließ sich enttäuscht zurücksinken: "Schade. Sie sind doch ein Muggel. Naja, schlimmstenfalls müssen wir warten, bis der Zauber vorübergeht. Dann verschwinden die Fesseln."
"Wirklich?", fragte ich erstaunt, "Ist die Wirkung nur vorübergehend?"
"Ja", antwortete er, "aber das kann Stunden dauern..."
"Hm, solange dieser Kotzbrocken nicht zurückkommt", warf ich ängstlich ein.
"Das wird er nicht", sagte Snape mit grimmiger Miene, "Sie und Ihr Handy haben ihn so sehr verschreckt. Den Mut wird er nicht aufbringen, sich nochmals in dieses Terrain hineinzuwagen. Und wahrscheinlich funktioniert auch nicht mehr das Passwort, um hier einzudringen."
"Wollen wir es hoffen", sagte ich zögernd und ließ mich neben Snape auf dem Boden nieder. "Wenn es nur noch darum geht, ein paar Stunden hier auszuhalten, dann kommt mir das als vergleichsweise leichte Aufgabe vor...Vorhin dachte ich, ich würde sterben..."
Und wieder flossen Tränen. Es war mir peinlich. Aber meine Spannung löste sich noch lange nicht. Ich war mir nicht sicher, ob die Gefahr vorüber war. Ich nahm den Stab und murmelte nur: "Den halte ich fest, nur für den Fall der Fälle. Auch wenn ich damit nichts anstellen kann..."
Severus lächelte. Er schien mir auf einmal viel umgänglicher zu sein.
Nun gut, dachte ich mir, ich hatte ihm irgendwie auch das Leben gerettet.

Eine Weile sagten wir nichts. Ich saß neben Snape, an einer Wand gelehnt. Er musste es wirklich unbequem haben, dachte ich mir, an dieser blöden Stange gepresst. Und bewegen konnte er sich so gut wie gar nicht, außer atmen, sprechen und ein wenig den Kopf wenden. Aber er beklagte sich nicht.
‚Er muss Nerven haben', dachte ich mir. ‚Was ist das nur für ein Mensch?' Ich wandte meinen Kopf vorsichtig zu ihm, um sein Gesicht zu betrachten. Er hielt seine Augen geschlossen. Aber ich war mir sicher, dass er unmöglich mit diesen Fesseln in dieser gequetschten Sitzposition schlafen konnte. Sein herber Gesichtsausdruck verriet, dass er schon viel durchgemacht haben musste, dachte ich mir. Womöglich ging es bei ihm ständig um Leben und Tod. ‚Was für ein läppisches Leben habe ich bisher geführt', überlegte ich. ‚Über welche Lappalien habe ich mir bisher Sorgen gemacht! Was ist das für eine Welt, in der Zauberer mit magischen Kräften umgingen... eine verdammt gefährliche. Wieso habe ich davon bisher noch nie erfahren...' Aber für ernsthaftes Grübeln fand ich keine Kraft. Noch zu frisch waren die jüngsten Erlebnisse. Mein Herz klopfte immer noch viel schneller als gewöhnlich, mein Schweiß hatte mich fast gänzlich durchnässt, obwohl es inzwischen nicht mehr sonderlich warm war im Raum, und an den Schläfen pochende Schmerzen verrieten langsam die körperlichen Entbehrungen, obwohl die mir vergleichsweise immer noch harmlos vorkamen.
Wenn wir bis zum Morgengrauen hier raus kämen, überlegte ich mir, dann schaffe ich es noch pünktlich bis zum Zug, um Nico abzuholen. Und es war eh Samstag, also ein freier Tag. Bis Montag hatte ich Zeit, Gründe für meine plötzliche Abwesenheit von der Arbeit gestern zusammenzustricken...

Snape rührte sich. Seine Augen waren wieder offen. Er merkte, dass ich ihn anschaute. Ich musste etwas sagen: "Severus", begann ich zögernd, "sagen Sie, meinen Sie, dass wir hier problemlos rauskönnen, sobald die Fesseln weg sind?"
"Ja", erwiderte er, "ich denke schon."
"Wie kommen wir denn hier raus?"
"Solange hier Zauber funktionieren - und das haben sie ja wieder seit Lucius´ Erscheinen - kann ich uns hier rausbefördern. Machen Sie sich keine Sorgen mehr."
"Aber... wieso hat das alles vorhin nicht funktioniert?"
"Um uns hier gefangen zu halten, wurden Blockierzauber eingesetzt."
Ich schluckte. Was für Zauber es so alles gab! Blockierzauber!
"Ja, aber", fing ich noch mal an, "wie konnte ich überhaupt hier reinkommen? Ich meine, Malfoy hat sich doch auch gewundert, dass ein Muggel wie ich..."
"Nun, vermutlich war das wirklich Zufall. Laut der Anweisung, die ich unwissenderweise nicht von meinem Bekannten, sondern von Malfoy erhalten hatte, sollte ich ohne Magie eine bestimmte U-Bahnlinie zur bestimmten Zeit betreten. Und an einer bestimmten Stelle zwischen zwei Stationen in einem bestimmten U-Bahn-Wagen an einen zuvor nie aufgesuchten Ort denken. Mit dieser Verknüpfung von Ort und Gedanken wurde ich auf magischem Wege in diesen verhexten Wagen gesetzt - dasselbe werden Sie wohl auch getan haben, oder?"
Ich überlegte lange: Ich saß in einem Wagen voller Leute und dachte über so etwas Ähnliches nach. Ich erinnerte mich gleichzeitig, dass ich mich gewundert hatte, dass der Wagen auf einmal so leer war, aber hatte mich mit der Erklärung abgefunden, dass ich zwischendurch wohl eingenickt war. Und in Wirklichkeit war ich genau zu diesem Zeitpunkt in diesen magisch manipulierten Wagen gerutscht. Unfassbar!
"Ja", sagte ich laut, "das war wirklich so. Hm, allein mit Gedanken kann man also den Ort wechseln. Das ist doch unheimlich."
"Nicht ganz so leicht. Es muss dabei schon jemand bewusst Magie ausgelöst haben, um diesen Wechsel zu bewirken. Sie haben nur zufällig diesen Weg benutzt. Dass ein Muggel an diesem Ort gleichzeitig solche Gedanken haben könnte, damit hatte Malfoy nun nicht gerechnet..."
Lange Zeit grübelte ich für mich herum. Das alles bereitete mir wahre Kopfschmerzen.

Auf einmal stellte ich fest, dass die Zeiger meiner Uhr sich wieder bewegten. Ich sprang auf: "Halt. Ich hab eine Idee."
Severus zuckte zusammen: "Was ist los?"
"Ja, mein Handy funktioniert ja auch wieder. Ich könnte jemanden anrufen und bitten, uns zu suchen."
"Das geht nicht", murmelte Snape, "den Wagen findet keiner, denn er wurde unortbar gemacht. Es kann uns daher kein Muggel helfen."
Enttäuscht ließ ich mich wieder fallen: "Aber wie kann man etwas unortbar machen?"
"Machen Sie sich keine Gedanken mehr über die Möglichkeiten, die wir Magier besitzen. Wir können viel verändern, viel Gutes, aber auch viel Schreckliches anrichten, wie Sie bereits selbst gespürt haben. Aber Sie haben mir das Leben gerettet, und darum bringe ich Sie heil in Ihre Welt zurück."
Ich konnte mich nicht recht beruhigen:
"Ich hoffe, ich kann all das irgendwann einmal verarbeiten und wieder ruhig schlafen, aber ich muss diese Welt verstehen lernen, wissen Sie. Ich habe von all dem nichts gewusst. Ich habe bisher nie an magische Kräfte geglaubt, ja im Gegenteil: ich habe alle Leute belächelt, die nur im entferntesten Sinne an Dingen dieser Art glauben. Sicherlich werde ich weiterhin misstrauisch bleiben, weil die meisten nur an Schwindel glauben, aber ich habe tatsächliche Magie erlebt. Ich will..."
"Nein", unterbrach mich Severus, "das werden Sie nicht. Sie müssen das vergessen. Unsere magische Welt bleibt mit Absicht normalerweise solchen Menschen wie Ihnen verborgen. Was meinen Sie, wäre sonst schon längst geschehen? Wir hätten für die Muggel alles Mögliche erledigen müssen, und wie viel wäre bereits zerstört... Wir leben besser in unserer Welt und ihr in eurer." Sein Tonfall hatte etwas Bestimmendes, Unwiderrufliches an sich.
"Aber..." Ich war zu unruhig und wollte das nicht einsehen.
"Nun gut", fuhr ich mit etwas ruhigerer Stimme fort, "ich werde das für mich behalten. Ich werde keine Stories über euch veröffentlichen, ok? Aber ich muss das für mich selbst verarbeiten. Also, dann versuchen Sie mir bitte trotzdem noch zu erklären, worum es vorhin ging. Da war die Rede von Spionage, von einem Dunklen Lord und anderen merkwürdigen Begriffen."
Snape lachte auf: "Wenn ich Ihnen das alles erkläre, dann sitzen wir noch Jahre hier. Aber um Ihre Neugierde ein wenig zufriedenzustellen - und das mache ich nur aus Dank und Achtung vor Ihrem bewundernswerten Einsatz vorhin - kann ich etwas erklären (er räusperte sich):
Ähnlich wie bei euch gibt es auch in unserer Welt verschiedene Kräfte und Gruppierungen, die sich nicht einigen können und womöglich gegeneinander kämpfen. Wir stehen derzeit kurz vor einem Krieg, weil ein sehr mächtiger Magier zurückgekommen ist, der seine totalitäre Macht wiedergewinnen will. Die liberalen Kräfte hingegen, die seit den letzten Jahren regieren, versuchen das zu verhindern."

"Und dieser Malfoy hilft dem mächtigen Magier, der wohl ‚Dunkler Lord' heißt", ergänzte ich.
"Genau", erwiderte Snape, "und ich habe früher..." Er hielt inne.
Ich sah ihn an: "Ja, Sie haben früher auch für ihn gearbeitet und sind dann zu der anderen Seite gewechselt, um für sie als Spion zu arbeiten."
"Sie haben eine gute Auffassungsgabe", erwiderte Snape mit einem Hauch von Bewunderung in seiner Stimme. Ein zweites Lob von diesem Mann. Es musste ihm schwer fallen, so etwas zu sagen. Immer noch konnte ich ihn mir als Lehrer kaum vorstellen.
"Und Ihre Schule? Ist die auch auf der anderen Seite?"
"Ja, sie wird von der liberalen Seite geleitet. Sie setzt sich aktiv gegen die Aktionen des Dunklen Lords ein."
"Ach ja", sagte ich langsam, "und Sie als Spion und Lehrer stehen sozusagen zwischen zwei Stühlen. Denn es besuchen schließlich auch Schüler der anderen Seite diese Schule, nicht wahr? Denn hatte Malfoy vorhin nicht von Ihnen verlangt, seinem Sohn Bestnoten zu geben?"
"Ja", antwortete Snape kurz.

"Also", zog ich weiterhin meine Schlussfolgerungen, "müssen Sie mit einer Menge von Gegensätzen fertig werden. - Woher kommen denn die Schüler? Sie sind alle Zauberer? Wohnen sie alle so versteckt, dass wir von denen nichts mitbekommen?"
"Nun", antwortete er (ich war erstaunt, wie offen er auf alles antwortete, das war geradezu angenehm, aber vermutlich war er wohl auch froh, wenn die Zeit möglichst schnell verstrich...), "viele verstecken sich mit ähnlichen Mitteln, wie man diesen Waggon verstecken konnte, andere treten offen auf und lassen sich ihre magischen Fähigkeiten nicht anmerken. Es gibt auch welche aus Muggelfamilien, die zunächst gar nicht wissen, dass sie Zauberer sind."
Das gibt es? Ich wurde richtig neugierig. "Aber, woher erfahren sie es dann, oder besser: Wer entdeckt sie und schickt sie auf die Schule?"
Snape überlegte eine Weile und erklärte schließlich: "Wir haben unsere Methoden, dies bei Kindern herauszufinden, selbst bei den Muggelstämmigen. Dann erhalten sie eine Einladung, die Schule zu besuchen. Meist sind sie schon vorher in ihrer Familie aufgefallen. Sie entwickeln oftmals ohne zu wissen magische Kräfte. Diese Kinder haben es meist schwer, weil sie von Muggeln oft missverstanden werden. Auf der anderen Seite haben sie es auch in der Zaubererwelt nicht leicht, weil es Zauberer gibt, die, nun ja, Muggelstämmige ablehnen und nur reinblütige Zauberer akzeptieren."

Ich hörte gebannt zu. Das war unglaublich.
"Und wie äußern sich diese magischen Kräfte bei den Kindern?" fragte ich schließlich nach einer kleinen Pause.
"Sie lassen manchmal Dinge geschehen, die für Muggel nicht möglich sind. Zum Beispiel, wenn sie besonders aufgeregt sind. Aus Wut können sie Sachen plötzlich durch die Luft fliegen oder die Farbe und Größe von Gegenständen verändern lassen. Alles Dinge, die ein Muggel nur mit besonderer Technik erreichen kann."
Ich schwieg und dachte nach. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich schon mal Zeuge von solchen Ausbrüchen war...

Es kam mir ein unheimlicher Gedanke auf. Doch ich traute mich noch nicht, Snape danach zu fragen
Ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Und begann ganz anders: "Und diese Kinder, ich meine, werden sie nicht verrückt, wenn sie ständig solche Dinge geschehen lassen? Was passiert mit ihnen, wenn sie nicht auf Ihre Schule gehen?"
"Das kann schon sein, ich weiß es nicht. Ich lerne ja nur die Schüler kennen, die unsere Schule besuchen."
"Und diese lernen dann...", ich rang nach Worten: "zaubern?" Es kam mir kaum über die Lippen.
"Ja."
"Sie lernen, mit diesem Zauberstab umzugehen und ... ja, zum Beispiel bei Ihnen Zaubertränke zu brauen, nicht wahr?"
"So ist es."
"Und brauchen aufgrund ihrer magischen Kräfte keinen Strom, keine Computer, keine Handys und so?"
"Ja."
Ich setzte mich zurück und versuchte, mich in diese Welt hineinzudenken.
Eigentlich keine schlechte Welt, dachte ich, schloss die Augen und sah vor mir romantische Schlösser mit lodernden Feuern in den Kaminen. Hm, diese Vorstellung versetzte mir ein beruhigendes Gefühl, aber es fiel mir schwer, mir diese Welt in der Gegenwart vorzustellen.



Kapitel 6

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