Harry Potter und das Sonnenamulett

 

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Kapitel 5: Die letzten Ferientage




Am nächsten Morgen beim Frühstück erfuhren sie, dass der Angriff auf das Ministerium nicht stattgefunden hatte. Jedoch war niemand wirklich erleichtert. Harry erfuhr später, als er mit Moody seine Okklumentikstunde absolvierte, dass Dumbledore befürchtete, dass Voldemort einen Spion im Ministerium an höchster Stelle hatte und so den Todessern bekannt geworden war, dass wiederum den Auroren der Angriffsplan bekannt war. An diesem Morgen war weiter beschlossen worden, dass Mrs. Weasley in die Winkelgasse gehen sollte, um die Schulbücher zu besorgen. Harry, Hermine, Ron und Ginny wären selbst liebend gerne wieder einmal dorthin gegangen, aber man war übereingekommen, dass dies zur Zeit ein unnötiges Risiko darstellte.

"Ginny, mein Liebling!" Molly Weasley sah ihre Tochter voller Stolz an. "Ich bin ja so glücklich, dass du nun auch Vertrauensschülerin bist! Was möchtest du denn für ein Geschenk haben?"
"Ich brauche dringend einen neuen Besen, Mum! Ich will ja schließlich eine gute Jägerin sein!"
"Aber natürlich, mein Liebling. Ich werde dir einen mitbringen!"
Da Professor Fenwick selbst noch einiges zu besorgen hatte, begleitete sie Mrs. Weasley. Beide wirkten bedrückt, als sie am Nachmittag vollbepackt mit Tüten und Kartons wieder zurückkamen.
"Wir gehen schlimmen Zeiten entgegen", sagte Mrs. Weasley traurig beim Abendessen, "die Winkelgasse ist nicht wieder zu erkennen. Überall an den Ecken stehen vermummte Gestalten herum und pöbeln die Leute an. Es hat auch schon einzelne Überfälle gegeben. Ich war noch bei Fred und George im Laden, die sagen auch, dass es von Tag zu Tag schlimmer wird. Es erinnert mich fast an die alten Zeiten."
"Nein, Molly", sagte Remus Lupin bestimmt, "diesmal sind wir besser ausgerüstet. So weit, wie beim letzten Mal wird es nicht kommen." Doch auch er sah besorgt aus.

"Apropos Fred und George: Kriegen wir die noch mal zu sehen, bevor wir wieder nach Hogwarts gehen", fragte Harry.
"Wir haben uns überlegt", sagte Mr. Weasley, "dass wir am Samstagabend hier 'ne kleine Party machen. Als Abschluss der Ferien. Da werden Fred und George natürlich auch kommen."
"Super", sagte Ginny, "wir müssen noch..." Sie unterbrach sich abrupt und fügte dann hinzu: "Noch einiges besprechen."
"Ich warne dich!" Mrs. Weasley hob drohend den Zeigefinger. "Ich werd' euch genau im Auge behalten! Wehe, ihr heckt wieder irgendwelche Streiche aus. Ich sag' dir schon jetzt, dass ich deinen Koffer sehr genau kontrollieren werde, bevor du nach King's Cross gehst!"
"Aber Mum, so was würde' ich doch nie machen."

Harry, der Ginny gegenüber saß, bemerkte, dass Professor Fenwick dieser einen warnenden Blick zuwarf. Die Sache mit dem Langziehohr war nicht mehr zur Sprache gekommen und Professor Fenwick sagte auch jetzt nichts darüber.

***



Nachdem Violet Fenwick ihren Sohn zu Bett gebracht hatte, begutachtete sie noch einmal ihre Einkäufe, die sie am Nachmittag aus der Winkelgasse mitgebracht hatte. Noch einmal überprüfte sie eine lange Liste von Gegenständen, die sie auf einer Pergamentrolle verzeichnet hatte. Ja, sie hatte an alles gedacht, was sie in Hogwarts brauchen würde. Schon in einer Woche würde sie dort Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein. Sie empfand ein warmes, tiefes Gefühl der Dankbarkeit Dumbledore gegenüber. Violet war sich der großen Verantwortung, die sie mit ihrer neuen Aufgabe übernommen hatte, zutiefst bewusst. In diesen schweren Kriegszeiten konnten Leben gerettet werden, wenn sie ihre Arbeit gut machte und die Schüler lernten, sich effektiv zu verteidigen. Violet würde ihr Bestes geben und alles tun, um sich des Vertrauens, das der Schulleiter in sie setzte, würdig zu erweisen.
Violet ließ in Gedanken ihre zukünftigen Kollegen an sich vorbeiziehen. Die meisten kannte sie noch von ihrer eigenen Schulzeit her und sie glaubte, dass sie in dienstlicher Hinsicht gut mit ihnen zurechtkommen würde. Nur wenn Violet an Severus Snape, den Lehrer für Zaubertränke, dachte, empfand sie eine tiefe Abneigung und ihre Züge verzerrten sich vor Wut. In dieser Hinsicht konnte sie Dumbledore nicht verstehen. Wie konnte der Schulleiter nur einen ehemaligen Todesser als Lehrer beschäftigen?! Sicher, Snape war damals freigesprochen worden, aber nur, weil Dumbledore für ihn gebürgt hatte. Violet hatte die Berichterstattung über die Prozesse gegen die Todesser aus persönlichem Interesse aufmerksam verfolgt. Wie konnte Dumbledore sicher sein, dass Snape wirklich die Seiten gewechselt hatte? Schon zu ihrer Schulzeit war Violet der hakennasige, fahlhäutige und fetthaarige Snape zutiefst unsympathisch gewesen. In ihren ersten drei Schuljahren war er noch Schüler und ihr letztes Jahr als Schülerin war sein erstes als Lehrer gewesen. Als sie ihn jetzt, bei einem Treffen des Ordens in diesem Haus, nach Jahren wieder gesehen hatte, hatte sich an ihrem Eindruck von ihm nichts verändert. Im Gegenteil, ihre Abneigung hatte sich nur noch verstärkt. Sie hatte genau gespürt, dass diese Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhte.
Snape, der sie immer schon an eine Fledermaus erinnert hatte, hatte sie dermaßen feindselig, arrogant und misstrauisch angestarrt, dass es ihr schwer gefallen war, ihm nicht eine zynische Bemerkung entgegenzuschleudern. Doch sie hatte ihm nur die gleichen Blicke zurückgegeben. Bis jetzt hatten sie noch kein einziges Wort miteinander gesprochen. Violet traute diesem öligen Typen nicht über den Weg. Sie würde ihn scharf im Auge behalten, das hatte sie sich fest vorgenommen. War er vielleicht der Spion Voldemorts in den Reihen des Ordens? Trieb er ein doppeltes Spiel, indem er dem Orden zunächst über den beabsichtigten Angriff auf das Ministerium berichtet hatte und dann Voldemort den Verteidigungsplan des Ordens? Violet war fest entschlossen, diesem Bastard das Handwerk zu legen, falls sich herausstellen sollte, dass sie Recht hatte.

***



Am Samstagnachmittag waren Harry, Ron, Hermine und Ginny damit beschäftigt, die Küche für die Party zu dekorieren. Hermines Meisterwerk war eine Lichtorgel, die in neonfarbenen Buchstaben anzeigte, wer die Küche betrat. Tonks, Mrs. Weasley und Professor Fenwick bereiteten das Buffett vor.

Als Moody ankam, war er hellauf begeistert von Hermines Erfindung: "Mädchen, du bist spitze", knurrte er anerkennend, "diese Erfindung kann sehr nützlich sein, erinnert mich ein bisschen an ein Feindglas."

An diesem Abend wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Aus jedem Gesicht, in das Harry blickte, sprach tiefe Besorgnis. Als er sich gerade einen gefüllten Teller vom Buffett geholt hatte und wieder auf dem Weg zurück zu seinem Platz war, hörte Harry, wie Professor Dumbledore, Tonks und Professor Fenwick sich unterhielten.
"Das Ministerium hat beschlossen, dass der Hogwartsexpress morgen von einer Gruppe Auroren begleitet wird", sagte Dumbledore gerade. "Sie beide werden dabei sein und Dawlish wird die Gruppe führen."
"Ausgerechnet Dawlish", protestierte Professor Fenwick heftig. Ihren Einwand nicht beachtend, fuhr Dumbledore fort: "Cornelius Fudge persönlich hat mich gebeten, Ihnen das mitzuteilen. Machen Sie sich keine Sorgen um James. Ich habe Molly gefragt, sie wird ihn nach Hogwarts bringen."
"Dann bin ich zumindest über diesen Punkt beruhigt. Aber warum überträgt man mir so eine Aufgabe? Ich bin doch völlig aus der Übung, war über ein Jahr nicht im Einsatz. Außerdem bin ich doch keine Aurorin mehr, sondern Lehrerin von Hogwarts."
"Du machst das schon, Violet!" Moody, der zu ihnen getreten war, legte seine Hand auf die Schulter der zukünftigen Lehrerin. "Warst schließlich meine beste Schülerin in der Aurorenausbildung."
Professor Fenwick machte eine abwehrende Handbewegung. "Ich bin wirklich aus der Übung. Und warum soll ausgerechnet Dawlish die Führung übernehmen? Warum nicht du, Moody?"
"Erstens weißt du genau, dass ich nicht mitkommen kann weil ich..." Er unterbrach sich abrupt, ohne den Satz zu beenden, dann fuhr er fort: "Und zweitens bin ich ja kein Auror mehr."
"Ich auch nicht", erwiderte sie bitter, "als ich vor einem Jahr vorübergehend einen Bürojob im Ministerium wollte, haben sie gesagt, ich wäre dafür nicht geeignet und Ausseneinsätze wären in meiner Situation zu riskant und jetzt haben sie plötzlich das Gegenteil beschlossen. Und dann noch unter der Führung dieses Dawlish." Ungehalten stampfte die Exaurorin mit dem Fuß auf und ihre grau-grünen Augen sprühten Funken. "Ich kann ihn nicht ausstehen! Irgendwie traue ich ihm nicht über den Weg, ich habe ein seltsames Gefühl bei ihm."
"Violet, er ist ein fähiger Auror. Es gibt nichts, was gegen ihn spricht", grummelte Moody.
"Ich hab' einfach ein schlechtes Gefühl bei ihm", beharrte sie eigensinnig.
"Das passt gar nicht zu dir, Violet, du legst doch immer so viel Wert auf klare Fakten." Moody knurrte missbilligend.
"Ich mag ihn auch nicht", sagte Tonks energisch, "während meiner Ausbildung war er eine Zeitlang mein Chef. Er konnte richtig fies werden. Hat mich ständig fertig gemacht, indem er auf meinen Schwächen rumgeritten ist. Ständig hat er mir seine guten Leistungen vorgehalten und mich runtergemacht."
"Wer ist denn noch dabei?" fragte Professor Fenwick und wandte sich dabei an Dumbledore.
"Campbell", erwiderte dieser.
"Naja, den kenne ich nur flüchtig, aber dass Fudge ausgerechnet Dawlish die Führung übertragen hat..."
"Sie müssen sich mit den Gegebenheiten abfinden", sagte Dumbledore abschließend, "wir müssen froh sein, dass Fudge überhaupt auf mich gehört hat und eine Aurorentruppe zum Schutz des Hogwartsexpress' genehmigt hat. Und ich vertraue Ihnen beiden", setzte er nach einer kleinen Pause, in welcher er abwechselnd Professor Fenwick und Tonks angeblickt hatte, hinzu.

Eine halbe Stunde später wandte sich Harry an Tonks: "Glaubt ihr wirklich, dass Voldemort den Hogwartsexpress angreifen wird?"
"Sicher ist sicher", erwiderte sie, "natürlich glaubt das niemand ernsthaft, aber in diesen Zeiten kann man nicht vorsichtig genug sein."

"Harry, ich möchte kurz mit dir sprechen." Dumbledore war zu ihnen getreten und legte eine Hand auf Harrys Schulter. "Bis jetzt bestand keine Notwendigkeit, dich unnötig zu beunruhigen, aber wo du morgen die Sicherheit dieses Hauses verlässt, musst du gewisse Dinge erfahren: Harry, ich muss dir leider mitteilen, dass Lucius Malfoy und seine Kumpane aus dem Gewahrsam des Ministeriums entflohen sind."
Harrys Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Gleichzeitig spürte er eine Welle der Wut in sich hochsteigen. "Wie konnte das nur passieren? Sind die denn zu dämlich, ihre Gefangenen zu bewachen?"
"Das Problem ist, dass sie sich im Ministerium die ganze Zeit viel zu sehr auf die Dementoren verlassen haben."
"Wie lange sind die Todesser denn schon wieder frei?"
"Etwa seit zwei Wochen."
"Warum schreiben sie nichts im Tagespropheten über die Flucht?" Harry sah Dumbledore entrüstet an.
"Weil sie erstens eine Panik verhindern wollen und zweitens ihre Unfähigkeit nicht öffentlich zugeben möchten. Und da ist noch etwas Wichtiges: Voldemort hat Pläne, dich zu entführen. Wie du vorhin mitbekommen hast, wird der Hogwartsexpress morgen von einem Aurorenteam begleitet. Wir werden alles Menschenmögliche für deine Sicherheit tun, Harry."

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